Wind von Westen – Infos

Die Familiengeschichte „Wind von Westen“ spielt in der Zeit von 1793-1796 – also während der Koalitionskriege – in Niederwesseling, einem kleinen Dorf zwischen Köln und Bonn. Bei den Protagonisten Balthasar Broicher und Agnes Frings handelt es sich um meine Vorfahren. Sie waren Pächter eines Halfenhofs.

Was war eigentlich ein Halfe?
Eine Halfe war in der Zeit vom Mittelalter bis zur Säkularisierung der Pächter eines Klosterhofs. Der Begriff Halfe, stammt von Halbwinner/Halfwinner, das heißt: ursprünglich musste er die Hälfte seiner Erträge an das Kloster abgeben. Das hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert und die Halfen hatten Pachtverträge, die die jährlichen Abgaben vertraglich festlegten. Da die Halfen nur untereinander heirateten und ihre Kenntnisse in der Landwirtschaft untereinander weitergaben wurden sie zunehmend wohlhabender. Ende des 18. Jahrhunderts bewirtschafteten die größten Halfen im Kölner Süden bis zu 360 Morgen Land. Der Niederwesselinger Kirchhof wirkt dagegen mit 120 Morgen relativ klein. Jedoch sollte man wissen, dass der Durchschnittsbauer im Rheinland kaum mehr als 14 Morgen zu beackern hatte.
Einflussreich waren die Halfen aber nicht nur wegen ihres Geldes, sondern auch wegen der Positionen, die sie in ihren Dörfern bekleideten. So stellten sie nicht selten den Ortsvorsteher, bekleideten Schöffenämter oder das Amt des Kirchmeisters. Viele schickten ihre Söhne in Klosterschulen. Die meisten wurden Priester, manche Anwälte oder Ärzte andere gingen zurück auf die Höfe.
Mit ihrem Wissen und ihren Kontakten verdichteten sie im Laufe der Jahrhunderte Netzwerke, die, in einem anderem Rahmen, denen des Adels entsprachen und von dem sie alle profitierten.
Natürlich war die Anzahl der Halfen begrenzt und somit unter den Nachkommen der Familien begehrt.
Der Fall des Wesselinger Kirchhofs, auf den mein Urahn einheiratete, lag, soweit erforscht, folgendermaßen:
Am 10.3.1729 verpachtete ihn das Kapitel (St. Cassius, heute Bonner Münster) an Paul Frings und Anna Brewer aus Grau-Rheindorf (Bonn) für 24 Malter Roggen (1 Malter = 1,64 hl ), ein Malter Erbsen, ein Schwein zu 125 Pfund und einen „Weinkauf“ (sozusagen die Ablöse, wurde viel früher in Wein bezahlt) von 150 Reichstalern. Zu dessen Bezahlung musste Frings 100 Reichstaler aufnehmen. Während seiner Pachtzeit herrschte mehrmals Misswuchs. So wurden ihm z.B. im Herbst 1731 zwei Drittel der Pacht bzw. 16 Malter nachgelassen; an Stelle des Schweins musste er 6 Reichstaler zahlen. Als der Halfe am 16.09.1773 im Alter von 84 Jahren starb, schuldete er dem Kapitel noch 220 Reichstaler.
1773: Nun übernahm sein Sohn Jacob Frings mit seiner Frau Catharina Pilgram den Hof. Er verpflichtete sich zur Rückzahlung der alten Schulden, kam aber durch Viehseuchen immer mehr in Rückstand. In seiner bedrängten Lage nahm er bei einem Juden Geld auf und verkaufte ihm 1781 sieben Stück Vieh. Weil er nicht mehr aus den Schulden herauskam, musste er 1786 den Hof abgeben.
1786: Sein Schwiegersohn Jacob Krauss und Agnes Frings erhielten nun den Hof. Jacobs Vater, der Scheffe Wilhelm Krauss, stellte als Kaution für die richtige Zahlung der Pacht Land im Werte von 400 Reichstalern zur Verfügung. Nach dem Pachtbrief von 1787 musste sich Krauss verpflichten, die Rückstände des Frings zu begleichen, plus die jährlichen Abgaben von (inzwischen) 40 Malter Roggen, 1 Malter Erbsen, an Stelle des Schweins 12 Reichstaler, an „Weinkauf“ 100 Reichstaler und 50 Reichstaler zum damaligen „Einstand“.
1793: Jacob Krauss stirbt mit 39 Jahren (war demnach dreizehn Jahre älter als seine Frau). Agnes heiratet Balthasar Broicher, der den Hof unter denselben Bedingungen wie sein Vorgänger übernehmen muss, das heißt, er muss die Schulden abbezahlen. Ferner musste er 10 Reichstaler „pro juribus Lecturae“ und 50 Reichstaler Einstandsgeld bezahlen. Zudem nach 1793 für das Schwein 18 statt 12 Reichstaler pro Jahr.
(Quelle: Josef Dietz, Wesseling)

So viel zu den familiären Fakten vor der Eheschließung. Balthasar war zu diesem Zeitpunkt noch relativ jung, mit 24 Jahren. Das heißt, sein Vater wird ihm sehr wahrscheinlich das Geld für die Übernahme gegeben haben. Viele Männer heirateten erst, wenn sie bereits über dreißig waren, aber auch Balthasars älterer Bruder Max muss bereits mit Anfang zwanzig geheiratet haben, da er mit Mitte fünfzig starb und über dreißig Jahre lang, mit drei verschiedenen Frauen verheiratet war.
Als sechster Sohn hatte Balthasar auf der elterlichen Halfe natürlich keinerlei Chancen. Da sein Vater aber gut gestellt war (Pate des ersten Sohnes war ein Stadtrat aus Köln), konnte er seine Söhne gut ausstatten. Zwei von ihnen wurden Braumeister in Köln, was damals ein stattliches Vermögen als Einstandsgeld in die Zunft erforderte oder eine gute Einheirat.
Viele Begebenheiten, die in diesem Buch beschrieben werden, haben so oder so ähnlich stattgefunden. Obwohl die meisten Geschehnisse meiner Fantasie entspringen, habe ich mich beim Schreiben dieses Buchs bemüht, alle historischen Fakten und sozialgeschichtlichen Begebenheiten so genau wie möglich zu recherchieren und zu hinterfragen.

Nur ein paar Worte zum politischen Rahmen
In den Jahren nach der Französischen Revolution beobachteten Preußen und Österreich voller Misstrauen die Ereignisse in Frankreich und drohten mit Konsequenzen, sollte Ludwig XVI. nicht wieder auf den Thron kommen.
Ebenso kritisch sahen die Franzosen die Formierung von Emigrantentruppen und forderten die Nachbarstaaten auf, diese zu vertreiben. Unter Führung der Girondisten rauften sich die Franzosen schließlich zusammen und erklärten Österreich im Frühjahr 1792 den Krieg. Mit viel Feuer im Herzen, aber schlechter Ausrüstung und wenig Ausbildung, zogen die Revolutionsarmeen in den Krieg, überzeugt von ihren Ideen.
Preußen und Österreich schlossen sich zu den sogenannten Alliierten Armeen zusammen, überzeugt von einem raschen Sieg. Doch im Gegensatz zu den Franzosen kämpften ihre Soldaten auf Befehl, ohne Leidenschaft im Herzen. Zudem kochte jede Nation ihr eigenes Süppchen, den einen oder anderen territorialen Zugewinn vor Augen.
So passierte, was passieren musste. Nach anfänglichen Erfolgen stürzten sie über ihre eigene Überheblichkeit und wurden von den Franzosen immer weiter zurückgedrängt. Bereits im Frühjahr 1793 besetzten die Franzosen Mainz, nach weiteren Gefechten, Verlusten und Gewinnen, im Herbst 1794 das Rheinland.
Die Koalitionskriege dauerten noch bis 1799 an, jedoch änderte sich für die Einwohner der Stadt Köln und ihrer Umgebung bis 1814 nichts mehr am Zustand der Besatzung durch die Franzosen.