Leseprobe – Die Zeit danach

Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Vorstellungen von den Dingen.

Epiktet, 1.Jh.n.Chr.

 

Prolog


Heute verstarb, plötzlich und unerwartet, im Alter von nur 59 Jahren,
Dr. Christian Pütz
Arzt für Allgemeinmedizin
*27. November 1955    †20. April 2014

In tiefer Trauer
Maria Pütz
Dr. Christiane Pütz
Florian Pütz
Tobias Pütz
mit Nicole Hirsbach
und Angehörige


Langsam ließ sie die Zeitung sinken und starrte mit glitzernden Augen ins Leere. Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihren Mund.
Manche Dinge erledigten sich also doch von selbst.
Dann fiel ihr Blick wieder auf die Kölner Rundschau. Die gerahmte Traueranzeige nahm beinahe eine viertel Seite ein. Rundherum gruppierten sich noch weitere Anzeigen von Ärztekammer, Kassenärztlicher Vereinigung, Stadtrat, Kulturausschuss und Schützenverein, in denen der Tod von Dr. Christian Pütz zutiefst bedauert wurde.
Ein sehr engagierter Mann, der liebe Verstorbene, registrierte sie spöttisch und legte die Zeitung zur Seite.
Knapp ein Jahr war Joachim jetzt tot und endlich folgte ihm einer seiner Mörder.
Kapitel 1
Anna nahm ihre Lesebrille ab und fuhr sich über die Augen. Als ob es gestern gewesen wär, schoss ihr eine fast dreißig Jahre alte Szene durch den Kopf, die sich hier hinten im Garten abgespielt hatte. Damals musste sie sechzehn gewesen sein. Ein herrlicher Sommertag. Sie hatte mit Joachim im Garten gesessen und über die Welt im Allgemeinen philosophiert, doch irgendwann war es ihr genug. Sie sprang auf und lief hinüber zu ihrer Kinderschaukel.
„Komm, schubs mich an!“, hatte sie ihm über die Schulter zugerufen.
„Meinst du nicht, du bist langsam aus dem Schaukelalter heraus?“ Mit gemächlichen Schritten folgte er ihr und gab ihr Schwung.
„Solange ich nur irgendwie zwischen diese beiden Stricke passe, werde ich auch schaukeln!“
Noch heute konnte sie dem Gefühl nachspüren, das ihr Magen verursachte, wenn er dem Körper mit einer gewissen Verzögerung folgte. Wie lange hatte sie auf keiner Schaukel mehr gesessen? Wie lange nicht mehr auf einem Karussell?
„Noch höher!“, hatte sie gerufen.
Doch er lachte nur. „Es reicht. Du wickelst dich sonst noch um den Querbalken.“
Groß und kräftig, mit strahlenden Augen hatte er vor ihr gestanden, streckte nach einer Weile die Arme aus und rief: „Spring!“
Und ohne weiter darüber nachzudenken, hatte sie die Hände von den Seilen gelöst und war gesprungen. Sie hatte sich immer auf ihn verlassen. Sie hatte sich auch immer auf ihn verlassen können. Er war ihr Freund, ihr Beschützer und lange Jahre auch ihr Geliebter gewesen.
Wehmütig schaute sie hinüber zu der alten Kinderschaukel, die inzwischen auch von ihren bereits erwachsenen Töchtern kaum noch benutzt wurde. Mehr als ein Vierteljahrhundert war seit jenem Nachmittag vergangen, aber ihr kam es vor, als sei es erst gestern gewesen.
„Mama?“
Erschrocken wandte sie sich um und sah ihre zwanzigjährige Tochter in der Terrassentür stehen.
„Mama? Was machst du denn hier draußen, ist dir nicht zu kalt?“ Mit besorgtem Blick kam Katharina auf sie zu. „Du hast wieder geweint.“
Anna wischte sich die Tränen von den Wangen. „Ich habe nur ein bisschen in Erinnerungen geschwelgt.“
„Woran hast du gedacht?“
„Darüber, wie unvernünftig Papa und ich manchmal gewesen sind.“ Einen letzten Seufzer gönnte sie sich noch, dann setzte sie ein wackeliges Lächeln auf. Katharina hatte auch ein hartes Jahr hinter sich, es war nicht nötig, dass sie sich auch noch Sorgen um ihre Mutter machen musste.
„Und, wo kommst du her?“, fragte sie deshalb betont fröhlich.
„Ich war auf einen Kaffee bei Judith.“ Katharina schloss den Kragen ihrer Daunenjacke, setzte sich neben sie auf die Bank und war Sekunden später unter einem grauen Wollberg verschwunden.
„Hallo Snoopy!“, gluckste ihre Tochter. „Ja, ja, ich freue mich auch, dich zu sehen, mein Guter. Hey! Aus! Es reicht.“
Katharina lachte immer noch, obwohl sie inzwischen auf dem Rasen lag und sich vergeblich gegen unzählige Hundeküsse zur Wehr setzte.
„Snoopy, aus!“ Kurz, aber bestimmt, kam Annas Befehl und Snoopy zog sich, wenn auch zögernd und voller Bedauern, zurück.
Katharina rappelte sich wieder auf und setzte sich neben sie auf die Bank. „Wenigstens du hast dieses Kalb im Griff.“
„Das ist bei seinen Ausmaßen ja auch lebenswichtig. Ich will nicht miterleben, dass er jemanden vor lauter Begeisterung zerquetscht.“
Zärtlich kraulte sie den jungen, irischen Wolfshund hinter den Ohren, der inzwischen seinen großen Kopf auf ihren Oberschenkel gelegt hatte.
„Ob du noch mal ein richtiger Wachhund wirst?“, spöttelte ihre Tochter und zupfte Snoopy am Kinn. „Du musst doch bellen, wenn du jemanden kommen hörst, und nicht irgendwo nach Knochen graben.“
Dann wandte sie sich wieder Anna zu. „Und du hast mich auch nicht gehört.“
„Ich hatte in der Zeitung gelesen und bin dann mit meinen Gedanken spazieren gegangen“, verteidigte sie sich.
„In der Zeitung gelesen. Draußen. Bei dem Wetter.“
„Die Sonne scheint.“ Anna schloss kurz die Augen und genoss die warmen Strahlen auf ihrer Haut. „Und außerdem ist es eine herrliche, klare Luft.“ Sie schaute Katharina an, die sie immer noch skeptisch musterte. „Der Frühling kommt und mit einer dicken Jacke sitzt es sich wirklich ganz gemütlich.“
„Wenn du es sagst. Und was hat dich so Spannendes abdriften lassen?“
„Nun, spannend ist es nicht gerade.“ Anna zeigte ihrer Tochter die große, gerahmte Todesanzeige.
„Dr. Christian Pütz, müsste ich den kennen?“
„Nein, musst du nicht. Ich kannte ihn auch nicht persönlich, aber Papa.“
Spätestens jetzt hatte Anna Katharinas volle Aufmerksamkeit.
„Er gehörte damals zu der Kommission der Kassenärztlichen Vereinigung, die seinen Antrag auf Job-Sharing abgelehnt hat.“
„Mama, das ist jetzt fast ein Jahr her“, beschwor Katharina sie und legte ihr einen Arm über die Schulter.
„Ich weiß“, seufzte Anna auf und schaute ihre Tochter an. „Aber solche Augenblicke bringen alles wieder zurück.“
„Du konntest es nicht verhindern. Niemand konnte das.“
„Aber wenn es jemand hätte verhindern können, dann ich. Ich hätte ihm besser zuhören müssen. Vielleicht hat er etwas angedeutet und ich habe es nicht registriert.“
„Mama, darüber haben wir doch nun schon x-mal gesprochen. Papa war Arzt. Er wusste ganz genau, was er tat, als er diesen Medikamentencocktail geschluckt hat. Er wollte nicht mehr und keiner von uns war ihm wichtig genug, um nach anderen Lösungen zu suchen.“
Ruhig, aber kalt und überlegt, waren diese Sätze von Katharina gekommen. So hatte Anna sie noch nie über den Tod ihres Vaters sprechen hören.
„Er hat euch Mädchen geliebt. Wie kommst du nur darauf, du wärst ihm nicht wichtig gewesen?“
„Ich habe gesagt, nicht wichtig genug, denn sonst hätte er uns nicht einfach allein gelassen.“
„Katharina, ihr seid beide erwachsen und lebt euer eigenes Leben.“ Sie merkte selbst, wie lahm ihre Verteidigungsrede klang und schloss den Mund. Im Laufe der letzten Monate hatte sie schon oft versucht, Joachims Tat zu verstehen und zu verteidigen, aber nach wie vor fühlte sie sich damit überfordert.
„Übrigens, warst du schon in der neuen Buchhandlung in der Frankenstraße?“, fragte Katharina und wechselte somit das Thema.
„Nein, du?“
„Mhm, vorhin, mit Judith.“
„Und, wie ist es geworden?“, fragte Anna neugierig und strich Snoopy, der sich jetzt genüsslich auf dem Rasen räkelte, mit der Stiefelspitze über den Bauch.
„Echt cool. Der hat den alten Lagerraum von den Beiers nebenan noch dazu genommen. Jetzt ist es richtig schön luftig und hell. Ganz modern eingerichtet. Sogar eine Espressomaschine für die Kunden steht auf der Theke. Vielleicht fange ich auf meine alten Tage doch noch an, mich für Bücher zu begeistern.“
„Das wäre ja so, als würden Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen.“ Anna warf ihrer Tochter einen zweifelnden Blick zu.
Sie selbst war nahezu süchtig nach Büchern und gierte schon danach, sich die neue Buchhandlung anzusehen, aber Katharina hatte von Kind an Lesen als zu anstrengend abgelehnt. Noch heute las sie kaum mehr als die Tageszeitung und ihre Fachbücher.
„Vielleicht hat mir ja bisher nur der entsprechende Anreiz gefehlt. Dieser Thomas Wegener könnte mich sicher davon überzeugen, wie wichtig Lesen für meine Allgemeinbildung ist.“
„Ist das der Inhaber? Habt ihr euch schon miteinander bekannt gemacht?“
„Miteinander bekannt gemacht, das hört sich so richtig schön altmodisch an“, lachte Katharina. „Judith kannte ihn schon, und wir haben uns ein bisschen unterhalten. Smalltalk eben, er hatte schließlich den ersten Tag geöffnet und entsprechend zu tun. Der hat vielleicht Augen, Mama.“
„Und wie alt ist dieser Supertyp?“
„Ich schätze mal, so um die vierzig.“
„Ist das für dich nicht schon uralt?“
„Mama, ich will ihn ja nicht heiraten. Ich finde ihn einfach interessant.“
„In diesem Alter haben die meisten Männer Familie.“
„Manchmal frage ich mich, warum ich dir überhaupt solche Sachen erzähle, wenn du dich dabei doch immer wie meine Mutter aufführst?“
„Das mag daran liegen, dass ich deine Mutter bin. Und die will dich vor allem beschützen. Hauptsächlich natürlich vor skrupellosen, gut aussehenden Männern um die vierzig, die nebst Frau und Kindern auch noch eine Geliebte wollen.“
„Eigentlich ist das ja meine Sache, aber um dich zu beruhigen: Er ist geschieden.“
Erstaunt hob Anna die Augenbrauen. „Du bist aber bemerkenswert gut informiert, dafür, dass du nur einmal kurz mit ihm gesprochen hast.“
„Mama, wir leben in einer Kleinstadt, und zudem ist Judith hier Geschäftsfrau. Die weiß einfach alles.“
„Aha. Wenn ich dich eben richtig verstanden habe, soll dieser Herr Wegener also etwas für deine Allgemeinbildung tun und du wirst jetzt zum Bücherwurm?“
„Genau, ich muss mir nur noch überlegen, in welcher Richtung ich mich von ihm beraten lasse.“ Nachdenklich zog Katharina die Nase kraus. „Wenn ich mich für Liebesromane interessiere, hält er mich womöglich für seicht, bei Krimis für unterkühlt und bei psychologischen Romanen für zu intellektuell. Wer gerne Sachbücher liest, gilt als trocken und verstaubt. Was würdest du mir empfehlen?“
„Frag ihn nach einem Comic.“
„Mama, jetzt bist du aber gehässig!“
Anna nahm ihre Tochter in den Arm und strich ihr zärtlich über die dichten braunen Locken. Sie genoss, dass Katharina noch zu Hause wohnte. Sie hätte nicht gewusst, ob sie die letzten Monate sonst so gut überstanden hätte. Katharina schaffte es mit ihrer fröhlichen und unkomplizierten Art immer wieder, sie aus ihren Grübeleien und Selbstvorwürfen herauszureißen.
Bevor sie allerdings die gegenseitigen Neckereien an diesem Nachmittag ausweiten konnten, klingelte es an der Haustür und das Chaos brach über sie herein: Snoopy fuhr wie von der Tarantel gestochen hoch, rumste mit dem Kopf gegen die Terrassentür und raste anschließend laut bellend durch das Wohnzimmer. Dabei stieß er einen Blumenkübel um, der mit lautem Getöse umkippte und zerbrach, woraufhin sich eine Flut Blumenerde über die weißen Bodenfliesen ergoss. Zur Krönung schleppte der junge Hund die jahrelang von Anna gehegte Klivie hinter sich her.
„Na prima.“
Doch Katharina ging gar nicht auf Annas Unmut ein, sondern sprang ungerührt über die Scherben hinweg und lief in den Flur. Dort versuchte sie, gleichzeitig 35 Kilo Hund unter Kontrolle zu bringen und die Haustüre zu öffnen.
„Hallo, Charlotte, komm rein“, ächzte sie und hielt Snoopy mühsam am Halsband zurück.
„Charlotte!“ Anna umarmte ihre Freundin, nachdem sie den Hund zur Räson gebracht hatte. „Dich habe ich total vergessen.“
„Wie nett. Soll ich wieder gehen?“ Demonstrativ hielt Charlotte beim Aufknöpfen ihrer Jacke inne.
„Natürlich nicht. Lilly kommt sicher auch gleich. Hast du dir gar keine Arbeit mitgebracht?“
„Ich tauge heute nur noch zur Unterhaltung. Ich habe den ganzen Vormittag mit polieren verbracht. Jetzt bin ich völlig erledigt.“ Charlotte hängte ihre Jacke an die Garderobe. Dann begrüßte sie Snoopy, der mit wedelndem Schwanz vor ihr saß und sie mit seinen feuchten Hundeaugen anstrahlte.
Katharina befreite ihn von dem traurigen Pflanzenrest. „Habt ihr heute Weibertag?“
„Ja.“ Anna ging hinüber zur Kellertür. „Das hatte ich über die Zeitung und deinen Herrn Wegener total vergessen. Geht ruhig schon vor ins Wohnzimmer. Ich hole noch Eimer und Besen für die Reste meines Blumentopfs.“
Als Anna wieder ins Wohnzimmer kam, hatte Charlotte es sich bereits auf der breiten Ledercouch bequem gemacht. Ihre Schuhe standen unter dem Couchtisch, wohin sich gerade Snoopy quetschte, um ausgiebig an ihnen zu schnüffeln.
Katharina nahm Anna den Besen ab und fegte die Blumenerde auf. „An welcher Skulptur arbeitest du denn gerade?“
„An dem träumenden Mann. Hast du den schon gesehen?“
„Du arbeitest doch immer an irgendwelchen Männern.“
„Das stimmt aber nicht“, verteidigte sich Charlotte. „Ich habe auch etliche andere Skulpturen gemacht. Aber so ein nackter Mann fühlt sich unter meinen Händen einfach besonders gut an.“ Sie zwinkerte Katharina zu. „Und dieser hier liegt nackt auf dem Bauch, den Kopf seitlich auf eine Hand gelegt und die Unterschenkel überkreuzt, so als würde er vor sich hinträumen.“ Aufseufzend legte sich Charlotte in Pose.
„Doch, den kenne ich, oder zumindest sein Anfangsstadium. Und jetzt bist du fertig?“
„Fast.“
„Wow! Kommt der noch mit in die Ausstellung?“
„Ja, das heißt, wenn ich es in der einen Woche noch schaffe.“
„Du wirkst wirklich ganz schön erledigt. Warum bist du denn nicht zu Hause geblieben?“
„Ein paar Stunden in der Woche brauche ich Frauen um mich herum. Immer nur Computer, Stinkefüße und Männergespräche, das kann keine Frau auf Dauer ertragen.“
Während sie die großen Scherben in den Eimer warf, grinste Anna zu Charlotte hinüber. Ihre Freundin lebte nur mit Männern zusammen. Gemeinsam mit ihrem Mann Peter und den vier Söhnen hatte sie erst vor kurzem einen Neubau in den Zülpicher Seegärten bezogen. In einem Nebengebäude hatte sie ihr Atelier eingerichtet, in dem sie ihre Marmor- und Granitskulpturen schuf. Peter war selbständiger EDV-Berater und hatte seine Söhne allesamt mit dem Computervirus infiziert. Anna konnte verstehen, dass Charlotte ab und zu eine Auszeit brauchte.
Katharina sah das allerdings anders. „Jetzt bist du aber unfair. Ich weiß genau, dass zumindest Vincent nicht ständig nach Stinkfüßen riecht.“
Anna schmunzelte in sich hinein. Katharina und Vincent, eine große, allerdings platonische Liebe. Die beiden kannten sich schon seit Katharinas Geburt und gingen zusammen durch dick und dünn.
„Außerdem kann man sich mit ihm hervorragend über Magritte, Renoir oder moderne Architektur unterhalten. Mit seinem Kunstgeschichtsstudium müsste er doch voll auf deiner Wellenlänge liegen.“
„Nun nimm Charlotte doch nicht so ernst.“ Es amüsierte sie zu sehen, wie Katharina wieder einmal für ihren Freund in die Bresche sprang. „Das heißt doch nicht, dass Charlotte ihre Söhne nicht liebt. Aber es tut einfach gut, auch mal nur unter Frauen zu sein. Das ist eine andere Atmosphäre, als immer nur mit Männern oder solchen, die es noch werden wollen, zusammen zu sein.“
„Also, ich bin sehr gerne mit Männern zusammen“, erklärte Katharina kategorisch.
„Was du nicht sagst. Wie zum Beispiel mit diesem Herrn Wegener, ja?“ Charlotte rappelte sich wieder in eine sitzende Position, um die Rotweinflasche zu öffnen, die Anna auf den Couchtisch gestellt hatte.
„Wer ist das überhaupt?“
„Der Inhaber der neuen Buchhandlung in der Frankenstraße. Und er ist nicht mein Herr Wegener. Eigentlich dürfte ich mir als gute Freundin von Judith sowieso keinen einzigen Gedanken mehr über ihn machen. Die ist nämlich total auf ihn abgefahren.“
„Nur etwas fürs Auge, oder interessanter?“
„Mit Sicherheit interessanter. Er ist groß, hat eine sportliche Figur und wirkt in Jeans und Leinenhemd überhaupt nicht wie ein verstaubter Bücherwurm.“
„Dann muss ich wohl auch mal nach neuer Lektüre schauen, damit ich auf dem Laufenden bleibe.“
„Tu das. Mal sehen ob er sich für Kunst begeistern lässt. Judith will jedenfalls versuchen, ihn mit zu deiner Ausstellung zu schleppen.“
Als es erneut klingelte, jagte Katharina aus dem Wohnzimmer, in dem utopischen, Versuch vor Snoopy die Wohnungstür zu erreichen.
„Dieser Buchmensch scheint ja mächtigen Eindruck auf Judith und deine Jüngste gemacht zu haben.“
Anna stellte drei große Rotweinkelche auf den Glastisch. „Zumindest Katharina findet ihn wohl interessant. Ich bin gespannt, wann sie und Vincent herausfinden, wie gut sie zueinander passen. Wie heißt dieses Lied noch? ‚Tausend mal berührt’? Das müssten sie doch inzwischen geschafft haben.“
„Bei manchen dauert das Jahrzehnte, aber ich werde die Hoffnung nicht aufgeben, dass entweder bei ihr oder bei Vincent der Groschen fällt, bevor die beiden im Altersheim wohnen.“
Eine halbe Stunde, nachdem auch Lilly zu ihnen gestoßen war, ließ Anna einen liebevollen Blick über ihre beiden besten Freundinnen gleiten.
Neben Lillys Sessel stand ihr obligatorischer Strickkorb, in dem sich heute pink- und malvenfarbige Wollknäuel türmten. Lilly strickte immer Pullover, wenn sie nicht gerade eine ihrer Mützen fabrizierte, die sehr an die Klorollenhüte der siebziger Jahre erinnerten und von denen sie heute eine Kreation in rosa trug. Dazu liebte sie lange, geblümte Baumwollröcke, die Rosamunde Pilcher alle Ehre machen würden und halbhohe Stiefel aus braunem Leder. Aber, auch wenn ihr Kleidergeschmack manchen unbedarften Beobachter verwirren mochte, hinter der schwarzen Hornbrille blitzten einem hellwache und humorvolle graue Augen entgegen.
Charlotte hatte es sich wie eine Diva auf dem Sofa bequem gemacht. Da sie heute keinen Skizzenblock mitgebracht hatte, zelebrierte sie ihr Faulsein. Die halblangen blonden Haare wirkten wie immer ungekämmt, obwohl sie sich bestimmt bemüht hatte, im Laufe des Tages daran zu denken. Charlotte legte ebenso wenig Wert auf Konventionen wie Lilly, allerdings war ihr Geschmack, was Kleidung betraf, erheblich ausgewogener.
Lächelnd beugte sich Anna über ihre Näharbeit. Sie hatte wirklich Glück, mit zwei so tollen Freundinnen gesegnet zu sein. Seit Jahrzehnten hatten sie einander begleitet, die Macken der anderen mit Gelassenheit ertragen und sich gegenseitig gestützt, wenn es nötig war.
„Heute Nachmittag war ich in der neuen Buchhandlung“, sagte Lilly und schaute in die Runde, ohne sich dabei auf ihre klappernden Stricknadeln konzentrieren zu müssen.
„Du auch schon?“ Neugierig wandte Charlotte den Kopf.
„Wieso? Warst du auch schon da?“
„Charlotte noch nicht, aber Katharina“, nuschelte Anna mit Stecknadeln im Mund. Sie hatte ihren voluminösen Nähkasten neben dem zweiten Sofa aufgeklappt und arbeitete an einem langen grünen Sommerrock, den sie am Freitagabend bei der Ausstellungseröffnung tragen wollte.
„Und wie hat dir dieser Herr Wegener gefallen? Fandest du ihn auch so attraktiv wie Katharina?“, wollte Charlotte wissen.
Lilly schaute sie verwundert an. „Welcher Herr Wegener?“
„Na, der attraktive Besitzer der Buchhandlung.“
„Ach, der heißt Wegener? Also, attraktiv ist er schon. Aber für Katharina doch wohl etwas zu alt, oder?“
„Was hat das denn mit dem Alter zu tun?“, fragte Charlotte gereizt und setzte sich auf. Anscheinend hatte sie nichts gegen eine fetzige Diskussion einzuwenden.
„Na hör mal, der Mann ist um die vierzig und Katharina ist gerade zwanzig geworden.“
„Würdest du denn einen knackigen Zwanzigjährigen von der Bettkante stoßen?“, provozierte Charlotte.
„Also ein bisschen älter dürfte er schon sein.“ Lilly kicherte. „Im Bett habe ich keine Lust, als Lehrerin zu fungieren.“
„Das kann ich gut verstehen, wer möchte nicht irgendwann Feierabend haben“, bemerkte Anna trocken in Anspielung auf Lillys Beruf als Grundschullehrerin.
Alle drei brachen in schallendes Gelächter aus.
„Jetzt aber im Ernst“, hakte Lilly nach. „Ist Katharina wirklich an ihm interessiert?“
„Soweit ich das mitbekommen habe, ist wohl eher Judith interessiert an ihm, und die ist ja immerhin schon zweiundzwanzig.“ Ironisch salutierend hob Charlotte ihr Rotweinglas. „Ist das nicht unfair, dass die Männer altersmäßig aus dem Vollen schöpfen können und wir dermaßen eingeschränkt sind?“
„Da musst du gerade stöhnen“, mokierte sich die alleinerziehende Lilly. „Du bist doch schon seit Ewigkeiten verheiratet und gar nicht auf den freien Markt angewiesen.“
„Das bedeutet doch nicht, dass ich dazu keine Meinung habe. Nur weil ich nicht Musikwissenschaftlerin bin, kann ich doch sagen, ob mir ein Konzert gefällt oder nicht.“
Mit einem Schmunzeln beobachtete Anna das Geschehen. Das würde wieder ein amüsanter Abend werden. Lilly und Charlotte suchten stets so lange nach einem Thema, bis sie einander beharkten, dass die Fetzen flogen. Und sie hatte Unterhaltung vom Feinsten.

Kapitel 2
Seit drei Stunden herrschte reger Betrieb. Manche Leute kamen nur, um einen Blick auf das neue Geschäft zu werfen, die meisten aber hatten Kaufabsichten und er war gut damit beschäftigt, ihren Wünschen nachzukommen. Im Moment waren die Leute noch neugierig und positiv gestimmt und er war bestrebt, ihnen diese Einstellung zu erhalten. Zufrieden musterte er die mit den unterschiedlichsten Büchern gefüllten, dunklen Holzregale. Vor den hellen Wänden bewirkten sie einen guten Kontrast. Allein dieser spezielle Geruch, den es nur in Buchhandlungen und Bibliotheken gab, versetzte ihn in seine Welt.
Thomas machte sich einen Espresso und setzte sich in einen der kleinen Ledersessel, die zwischen den Regalen aufgestellt waren. Nur einen Moment entspannen, noch einmal umschauen.
Es war wirklich schön geworden. Die großen Fenster ließen viel Licht herein und lenkten die Blicke der vorbeiflanierenden Leute auf seine derzeitige Auslage zum Thema Pflanzen und Gärten. Besonders gut gefiel ihm die großzügige Kinderecke, in der er mit einem bunten Surfsegel die Decke abgehängt hatte, und die vielen dicken Kissen, die seine jüngeren Kunden zum Schmökern einluden.
Schließlich fiel sein Blick auf das Comicregal, sein Steckenpferd. Als Kind hatte er, sehr zum Leidwesen seiner Eltern, Comics nur so verschlungen: Lucky Luke, Tim und Struppi, Asterix, Mickey Maus, Donald Duck, die ganze Palette.
Aber am besten gefielen ihm nach wie vor die Peanuts. Charlie Brown, Lucy, Schröder, Linus und natürlich Snoopy. Wozu hätte er damals die alten Philosophen lesen sollen, wo es doch die Geschichten der Peanuts gab? Mit einem liebevollen Blick auf die handelnden Personen wurden in ihrer Welt alle Situationen des Lebens beleuchtet.
Noch während er diesen Gedanken zu Ende spann, ging erneut die Türglocke und er sah hinüber. Hübsch, war das erste, was ihm durch den Kopf schoss. Er setzte sich in eine bequemere Position, um die eintretende Frau besser im Blick zu behalten.
Mit aufrechter Haltung blieb sie einen Moment an der Tür stehen und sah sich interessiert um. Die großen dunklen Augen wanderten von einem Regal zum nächsten, streiften kurz ihn selbst, zogen aber schnell weiter und blieben letztlich am Comicregal hängen. Sie zögerte noch einen kurzen Moment, ging dann aber mit langen Schritten darauf zu.
Schöne Beine, dachte er wohlwollend. Und offenbar einen exzellenten Geschmack, was gute Literatur anging. Er stellte seine Espressotasse hinter die Kassentheke und machte sich auf den Weg.
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Oh, Entschuldigung.“ Aus ihren Gedanken gerissen, schreckte Anna hoch und starrte ihn an. Grüne Augen mit tanzenden braunen Punkten blickten ihr entgegen. „Ähm, nein danke, ich habe mir nur die Comics angesehen. Ich wusste gar nicht, dass es so viele Bände von den Peanuts gibt.“
„Es gibt noch etliche mehr. Ich kann Ihnen gerne welche besorgen. Wenn Sie möchten, auch im Original.“
„Oh, ich denke, erst einmal reicht diese gewaltige Auswahl, um meinen inneren Frieden zu sichern.“ Nervös strich sie sich mit dem Zeigefinger über die Nase.
„Lesen Sie gerne Comics?“
„In meinem Alter vielleicht etwas ungewöhnlich, oder?“, fragte sie unsicher.
Bekam man mit 46 noch schwitzige Hände und einen jagenden Puls, wenn man einem attraktiven Mann gegenüber stand? Oder machten sich bei ihr plötzlich die Wechseljahre bemerkbar? Fahrig fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn und versuchte, sich zu beruhigen.
„Comics sind keine Frage des Alters, es kommt nur darauf an, was man liest.“
„Peanuts sind wohl in jedem Alter gerechtfertigt, oder?“ Was redete sie bloß für ein dummes Zeug? Sonst war sie doch auch in der Lage, Konversation zu machen.
„Entschuldigung, Herr Wegener?“, unterbrach sie da glücklicherweise eine helle Frauenstimme. „Irgendetwas stimmt mit dem Computer nicht. Könnten Sie mir kurz helfen?“
„Kommen Sie hier alleine zurecht?“
„Kein Problem“, erklärte sie hastig und war froh, dass er mit schnellen Schritten davoneilte. Erleichtert wandte sie sich wieder dem Regal und ihrer Lektüre zu, aber sie konnte sich nicht mehr so recht auf Charlie Brown konzentrieren.
Das musste sie Katharina lassen, sie hatte wirklich einen guten Geschmack. Anna riskierte einen weiteren Blick auf den gut aussehenden Mann hinter dem Tresen. Die grünen Augen beherrschten ein ausdruckstarkes, kräftiges Gesicht. Das dichte dunkelblonde Haar reichte ein wenig über den Kragen seines Hemdes, so dass er trotz der korrekten Kleidung einen lockeren Eindruck machte. Als ihr Blick auf seinen Mund fiel, beschloss sie umgehend, lieber auf seine Augen zu schauen.
Was passierte hier mit ihr? Sie war Mutter zweier erwachsener Töchter, angesehenes Mitglied einer Kleinstadt, in der sie seit fast zehn Jahren als Kinderärztin tätig war. Und nun stand sie in einer Buchhandlung und versuchte ihren Körper zu kontrollieren, der sich eingehender mit einem attraktiven Mann beschäftigen wollte, der zudem auch noch deutlich jünger war als sie selbst.
Anna konzentrierte sich auf ihre Atemübungen, bis sie sich in der Lage sah, ihm wieder gegenüberzutreten.
„Ich werde immer wieder neue Comics da haben, kommen Sie doch mal wieder vorbei“, sagte Herr Wegener freundlich, als er ihre Bücher abkassierte.
„Das werde ich bestimmt. Und sicher nicht nur wegen der Comics.“
Er zog amüsiert die Augenbrauen hoch und sie merkte, dass sie tatsächlich errötete.
„Wegen der anderen Bücher natürlich auch“, beeilte sie sich daher schnell zu ergänzen, und stürzte wie von Furien gehetzt aus dem Geschäft.
Sie war erledigt. Was würde dieser Mann bloß von ihr denken? Altes, frustriertes Eheweib auf der Suche nach jugendlichem Lover? Mit großen Schritten lief sie durch die Fußgängerzone hinüber zum Marktplatz. Sie hatte sich total blamiert. Vorläufig würde sie keinen Schritt mehr in diese Buchhandlung setzen. Hoffentlich hatte er ihren peinlichen Auftritt in ein paar Wochen vergessen, es wäre zu schade, diesen wundervollen Laden nicht nutzen zu können.
Als sie auf dem Marktplatz ankam, beruhigte sich langsam ihr Puls, und die Gedanken in ihrem Kopf begannen sich zu ordnen. Plötzlich hatte sie das Gefühl, irgendetwas Wichtiges vergessen zu haben … und da hörte sie auch schon das bekannte Heulen: Snoopy! Sie hatte doch tatsächlich ihren Hund vor der Buchhandlung vergessen. War sie jetzt völlig irre? Schnell wandte sie sich um und lief zurück.
Neben Snoopy stand schon Herr Wegener und kraulte ihm beruhigend den großen Kopf. „Gehört diese Heulboje Ihnen?“
Hastig wehrte sie Snoopys Liebesbeweise ab und versuchte gleichzeitig, seine Leine abzubinden, ohne weiter auf den Buchhändler einzugehen, geschweige denn, ihn anzusehen.
„Snoopy, sitz!“
„Snoopy? Wie passend. Vielleicht ein bisschen groß geraten, oder?“
„Als ich ihn bekam, war er noch kleiner“, schnappte Anna. Sie wollte nur noch nach Hause und sich die Decke über den Kopf ziehen. Konnte es noch unangenehmere Situationen geben?
„Entschuldigung“, murmelte sie und stolzierte, mit einem letzten Rest von Würde, in Richtung Kölntor davon.
Zu Hause angekommen, löste sie dem immer noch aufgeregt um sie herumspringenden Hund die Leine, stellte die Tasche mit den Büchern auf den Wohnzimmertisch und setzte sich wie selbstverständlich an ihr Klavier.
Beethovens Fünfte kam ihr in den Sinn und sie gab ihrem Gefühl nach, ohne weiter darüber nachzudenken. Aufgewühlt griff sie in die Tasten und ließ sich völlig von der Musik treiben.
Nach dem kraftvollen, schnellen Stück wechselte sie übergangslos zur Mondscheinsonate. Leise und getragen erklang die Melodie und nachdem der letzte Ton verklungen war, blieb sie erfüllt vor dem Instrument sitzen, ohne zu bemerken, dass ihre Wangen nass von Tränen waren.
Zehn Monate lang hatte sie nicht mehr am Klavier gesessen, hatte es einfach nicht über sich gebracht. Immer wenn sie es versuchte, brach sie nach wenigen Tönen wieder ab. Aber jetzt war die Musik, die sie ihr Leben lang begleitet hatte, endlich wieder da.
Als es klingelte, sprang sie auf und lief wie auf Wolken zur Tür. „Charlotte!“
„Hallo Anna. Wie siehst du denn aus? Hast du geweint?“ Charlotte musterte sie mit prüfendem Blick.
„Habe ich geweint?“ Anna wischte sich die letzten Tränen von den Wangen, schaute verwundert auf ihre nassen Finger. „Scheint so.“
„Wieso bist du in so einer merkwürdigen Stimmung?“.
„Ich habe Klavier gespielt!“ Überschwänglich nahm Anna ihre Freundin in den Arm und schwenkte sie fröhlich im Kreis, was Snoopy vor Freude schier durchdrehen ließ. „Seit fast einem Jahr habe ich kaum noch einen Ton spielen können und heute hat es wieder funktioniert.“
„Du hast endlich wieder am Klavier gesessen? Das schreit nach Prickelwasser. Hast du noch eine Flasche im Keller?“
„Bestimmt.“ Atemlos ließ Anna ihre Freundin stehen und stürmte in den Keller.
„Schön, dass du gerade zur rechten Zeit vor der Tür gestanden hast. Ich hätte sonst gar nicht gewusst, wohin mit meinen Endorphinen!“, rief sie Charlotte zu, als sie wieder ins Wohnzimmer kam.
Während diese bereits die Sektflöten aus dem Vitrinenschrank genommen hatte, wuselte Snoopy immer noch aufgeregt um sie herum.
„Herrlich, ich freue mich so mit dir. Damit hast du einen ganz wichtigen Schritt zurück ins Leben geschafft.“
Augenblicklich sank Annas Stimmung um einige Grad. Einen Schritt zurück ins Leben zu gehen, bedeutete das nicht auch, einen weiteren Schritt entfernt von Joachim zu sein? Wie konnte sie leben, wenn er tot war?
„Anna.“ Charlotte legte ihren Arm um die Schultern ihrer Freundin. „Es ist dein Leben. Auch wenn Joachim an einer Krankheit oder an einem Unfall gestorben wäre, hättest du ein Recht, sogar die Pflicht, auf ein eigenes Leben gehabt. Und erst recht nach seinem Selbstmord. Das war seine persönliche Entscheidung. Er wollte nicht mehr leben und das war nicht deine Schuld“, betonte sie.
„Du weißt, dass ich mir das immer wieder vorbete, trotzdem nagt es in mir, dass ich nicht genug auf ihn eingegangen sein könnte. Dass ich mich nicht genug um ihn gekümmert habe oder er nicht oft genug ein offenes Ohr bei mir gefunden hat.“
Erschöpft von den vielen Gefühlen, die in der letzten Stunde auf sie eingestürmt waren, ließ Anna sich auf einen der schwarzen Ledersessel sinken und griff nach der Sektflöte, die Charlotte in der Zwischenzeit gefüllt hatte.
„Du hast dich für eure Ehe eingesetzt. Wer sich rausgezogen hat, war Joachim und das schon seit etlichen Jahren. Die Mädchen und alles, was mit Familie und Haushalt zu tun hatte, lag doch auf deinen Schultern.“
„Er hatte schließlich in der Praxis mehr als genug zu tun. Da musste er nicht auch noch anfangen aufzuräumen, wenn er abends spät nach Hause kam.“
„Das verlangte ja auch keiner von ihm, aber er war doch praktisch nicht mehr präsent. Abends kam er nicht vor neun Uhr nach Hause und Mittwochnachmittags und an den Wochenenden war er unterwegs, um sich fortzubilden. Joachim war ein Workaholic, wie er im Buche steht.“ Charlotte funkelte sie streitlustig an.
„Er war mit der Praxis völlig überlastet. Jeder zerrte an ihm, da musste ich ihm das zu Hause nicht auch noch zumuten.“
„Als wenn du ihm jemals etwas zugemutet hättest. Du hast ihm doch jeden Wunsch von den Augen abgelesen, ihm immer den Rücken freigehalten und bei allem unterstützt, was er sich vorgenommen hatte.“
„Das finde ich auch selbstverständlich!“
„Du brauchst mich gar nicht so anzufauchen. Ich finde auch, dass man sich in einer Ehe gegenseitig unterstützen sollte, aber die Betonung liegt auf gegenseitig. Ich sehe nicht, wo Joachim dich je unterstützt hätte.“
„Als die Mädchen klein waren, hat er jahrelang alleine die finanzielle Verantwortung getragen.“
„Aber ihr habt euch doch beide mit endlosen Nacht- und Wochenenddiensten durchgeschlagen, bis ihr jeweils euren Facharzt gemacht hattet. Und jetzt bist du schon seit fast zehn Jahren bei Matthias in der Praxis angestellt.“
„Ich bin nur angestellt. Joachim hatte auch noch die ganze Last der Selbständigkeit zu tragen.“
„Wer hat ihn denn dazu gezwungen, eine Praxis zu übernehmen?“
Mit großen Augen schaute Anna ihre Freundin an. So hatten sie noch nie über dieses Thema gesprochen.
„Anna“, versuchte Charlotte einzulenken. „Joachim war sicher ein toller Arzt, der immer für seine Patienten da war. Aber neben allen Schwierigkeiten mit Gesundheitsreform und Arbeitsüberlastung hatte er sich dafür entschieden, seinen Beruf in dieser Art auszuüben. Joachim hätte auch wieder als angestellter Arzt arbeiten können. Aber das wollte er nicht.“
„Ich möchte jetzt nicht weiter darüber reden.“ Äußerlich ruhig, beendete Anna das Gespräch, nahm ihr Glas und trug es in die Küche, wo sie den Rest des Proseccos in die Spüle kippte.
„Schade drum“, murmelte Charlotte, als sie es ihrer Freundin gleichtat.

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