Leseprobe – Feuerprobe

Feuerprobe

von Cordula Broicher

 

 

Je weniger wir Trugbilder bewundern, desto mehr vermögen wir die Wahrheit aufzunehmen.
Erasmus von Rotterdam

 

Kapitel 1

Fertig. Carolina trat einen Schritt zurück und begutachtete das frisch montierte Regenrohr von allen Seiten. Perfekt, der nächste Schauer konnte kommen. Sie packte ihr Werkzeug zusammen, drückte die Terrassentür auf und trat ins Haus. Erst jetzt merkte sie, dass sie fröstelte. Obwohl es bereits Mitte Juni war, zeigte das Thermometer kaum mehr als 15 Grad. Zudem Nieselregen. Die Schafskälte hatte sie dieses Jahr heftig im Griff. Sie brauchte dringend einen Kaffee, doch zuerst musste sie noch ihr Werkzeug verstauen.
Auch wenn noch viel renoviert und geräumt werden musste,
ihre Werkstatt war, neben der Küche, der erste Raum gewesen, den sie hergerichtet hatte. Sie stellte ihren Werkzeugkoffer ab und strich nahezu zärtlich über die Holzplatte ihrer Werkbank. Als Sascha ihr dieses Haus zum Kauf anbot, hatte sie sofort zugeschlagen. Endlich raus aus der Wohnung, in ein Haus, das sie nach ihren Vorstellungen sanieren konnte. Als alleinerziehende Mutter war sie nicht gerade mit Vermögen gesegnet, aber dieses Häuschen, an das seit Jahren niemand mehr Hand angelegt hatte, war für ihre Bedürfnisse völlig ausreichend und vor allem finanziell erschwinglich gewesen.
Ein Schauer jagte durch ihren Körper. Kein Schauer der Freude, sondern schlichte Kälte.
Sie rubbelte über ihre Oberarme und ging nach oben in die Küche. Dort hockte Luisa immer noch über ihren Geometrieaufgaben. Da sie jedoch schon wieder strickte, anstatt zu rechnen, würde es wohl noch dauern. Seitdem aufgerufen worden war, im Rahmen der Landesgartenschau Bäume, Poller und Fahrradständer zu bestricken, klapperte Luisa mit den Nadeln. Inzwischen leuchteten Zülpichs Baumstämme in den wildesten Mustern, kaum ein Laternenmast zeigte noch eine Spur von Grau, jeder Spaziergang wurde zu einem Fest für die Augen.
Aber irgendwann mussten die Prioritäten verschoben werden.
„Leg jetzt das Strickzeug beiseite und mach dich endlich an deinen Kram.“
„Ich habe aber keine Lust, ist doch eh blöd.“ Louisa zog einen Flunsch.
Carolina wusch sich die Hände, füllte die Kaffeemaschine und stellte sie an. Dann setzte sie sich zu ihrer Tochter. „Kommst du nicht weiter?“
„Hab noch gar nicht angefangen.“
Das Zusammentreffen von Louisa und Mathematik stellte Carolinas Geduld jedes Mal aufs Neue auf eine harte Probe. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie einfach nicht begreifen konnte, wie jemand so wenig Interesse daran haben konnte. Mathe war von jeher ihr Lieblingsfach gewesen, das hatte sich bis zur Meisterprüfung nicht geändert. An ihrer Großen schien das entsprechende Gen jedoch vorübergegangen zu sein.
„Also los, welche Formel brauchst du?“
„Warum soll ich was ausrechnen, wenn ich direkt erkenne, dass diese Seite kürzer ist?“ Louisa zeigte auf einen Bruch, der die Seitenlänge eines Rechtsecks beschrieb.
„Nur anhand der Zahlen kannst du überhaupt nicht erkennen, ob es größer ist. Vielleicht scheint es dir so, aber ob es stimmt, weißt du erst, wenn du es ausgerechnet hast.“
„Das ist doch nur unnötige Arbeit. Warum soll ich lernen, wie man diese blöden Rechtecke ausrechnet? Das brauche ich nie wieder.“
„Luisa, jetzt leg endlich das Strickzeug weg und konzentrier dich.“
Luisa rollte mit den Augen, legte das Strickzeug aber schließlich in ihren kleinen Nähkorb.
„Natürlich brauchst du das wieder“, fuhr Carolina fort. „Was meinst du wohl, wie ich ausgerechnet habe, wie viel Farbe ich für dein Zimmer brauchte? Oder wie viel Laminat nötig war, um den Fußboden auszulegen? Dafür musste ich zuerst die Flächen ausrechnen.“
„Aber nur, weil du immer alles alleine machen musst. Dafür habe ich später einen Mann. Wie Opa Hans. Der repariert alles, was die Oma ihm sagt.“
Ihre Schwiegereltern in allen Ehren, aber die althergebrachte Rollenverteilung, bei der der Mann alles Handwerkliche erledigte und die Frau für Küche und Wäsche zuständig war, entsprach nicht unbedingt dem Weltbild, das sie ihren Kindern vermitteln wollte.
„Vielleicht hast du aber nicht direkt einen Mann, wenn du von zu Hause ausziehst. Vielleicht lebst du erst einmal allein oder in einer WG. Da ist es wichtig, dass du dir nicht für alle Arbeiten einen Handwerker nehmen musst. Das ist viel zu teuer.“
„Dann frage ich eben Jon“, erklärte Louisa im Brustton der Überzeugung.
Carolina hingegen glaubte nicht, dass der von Louisa so bewunderte Nachbar ihrer Tochter auf Lebenszeit die tropfenden Wasserhähne reparieren würde.
Bevor sie Louisa jedoch ihre Meinung dazu sagen konnte, stürmte Max mit vor Aufregung geröteten Wangen in die kleine Küche. Hellbraune Haarbüschel schauten unter der geliebten FC-Kappe hervor und seine hellen Augen blitzten vor Aufregung. „Mama? Jon braucht sofort deine Hilfe. Die alte Kiste bockt mal wieder und er kommt allein nicht weiter.“
„Und du hast schon wieder Schokolade bekommen“, stellte sie nüchtern fest, da die Tatsache durch eindeutige Spuren in seinem Gesicht belegt war.
„Maike hat uns heißen Kakao gemacht. Den brauchen Männer, wenn sie bei so einem Schietwetter arbeiten müssen.“
Wohlweislich verkniff sie sich ein Lachen und überhörte den Kraftausdruck aus dem Munde ihres Sohnes. Sie war froh, dass er in Jon einen väterlichen Freund gefunden hatte, dem das Zusammensein mit diesem aufgeweckten Kerlchen ein Vergnügen war. Im Gegensatz zu seinem leiblichen Vater, der seine Aufmerksamkeit bereits seit Jahren auf sporadische Postkarten beschränkte. Und selbst diese waren seit Monaten ausgeblieben.
„Ich muss blöde Rechtecke ausrechnen und Max darf draußen spielen. Das ist total unfair!“ Lautstark riss Louisa sie aus ihren Gedanken.
Angriffslustig ballte Max seine kleinen Fäuste. „Ich spiele nicht! Ich helfe Jon bei seinem Auto!“
„Genau.“ Carolina stand auf und schob Max ein wenig aus der Gefahrenzone. „Und wenn Max zwölf ist, wird auch er so blöde Rechtecke ausrechnen müssen. Soll ich dir noch mal erklären, wie es funktioniert?“
„Geh ruhig nach draußen frieren, ich schaff das auch allein.“
„Wenn du meinst.“ Obwohl es eigentlich Louisas Spezialität war, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen, fühlte sie sich heute zu entspannt, um darauf einzugehen.
„Läufst du schon vor und sagst Jon, dass ich gleich komme?“, fragte sie Max.
„Klar, ich muss schnell los. Jon sagt, ich darf wieder sein Werkzeugrangierer sein.“
Carolina schmunzelte. „Du meinst wohl sein Werkzeug-Ranger.“ Sie nahm ihm die feuchte Kappe ab und wuschelte ihm zärtlich durchs Haar.
Max nahm sie ihr wieder ab und setzte sie sich auf den Kopf. „Weil der Ranger in Amerika auf die großen Wälder aufpasst, und ich passe drauf auf, dass Jon sein Werkzeug nicht verschusselt, stimmts?“
„Stimmt genau. Und jetzt lauf los, damit nichts wegkommt, bevor ich da bin.“
Das ließ sich Max nicht zweimal sagen und stürmte hinaus.
Carolina stellte die Kaffeemaschine aus und schenkte sich einen Becher voll ein. Jetzt müsste sie sich erst einmal eine Strategie zurechtlegen, wie sie ihrem Nachbarn schonend beibringen konnte, dass die Zeit seines Schätzchens wohl endgültig abgelaufen war.

Bei Maike schien ja einiges los zu sein. Nick parkte seinen Wagen am Straßenrand, stellte den Motor ab und stieg aus. So wie es aussah, hatte Jon mal wieder einen Dummen gefunden, der mit ihm an seiner alten Karre rumschraubte, denn unter dem alten VW-Bus lugten zwei Beinpaare hervor.
„Hallo, Nick!“, rief ihm seine Cousine zu, die unter dem Vordach ihrer Haustür stand. Ihr praller Schwangerschaftsbauch zeichnete sich deutlich unter einem langärmligen T-Shirt ab. „Ich komm hier grad nicht weg“, ergänzte sie die Begrüßung mit einem vielsagenden Blick auf einen kleinen Kerl, der sich an sie schmiegte. In der einen Hand einen wuchtigen Schraubenschlüssel, in der anderen einen Superman-Becher, warf er ihm einen kritischen Blick zu.
Nick ging zu den beiden hinüber und küsste Maike auf die Wange. „Wie immer in männlicher Begleitung“, neckte er sie.
„Ja, das ist mein bester …“
Unter dem Auto ertönte ein heftiger Fluch. „Verdammt noch mal, so eine Sch…iiiiete!“
Nick drehte sich um und sah, wie sich Jon unter dem Wagen hervorschob. „Ich bin mit dem Schraubenschlüssel abgerutscht, wollte nur ein bisschen Rost wegkratzen.“
Jon Vandenberg, den er quasi als seinen Schwager ansah, wurde zunehmend blasser. Maike eilte zu ihm hinüber und griff nach seiner Hand.
Der Junge folgte ihr. „O krass! Das blutet ja schweinemäßig.“
„Ist es schlimm?“ Nick sah kaum mehr als einen kleinen Schnitt im Daumenballen, der allerdings kräftig blutete.
Jon knirschte mit den Zähnen. „Geht schon. Ich brauche nur ein Pflaster.“
„Weil du so tapfer bist, bekommst du auch ein ganz Großes.“ Maike packte ihren Mann am Arm und zog ihn ins Haus.
„Jetzt musst du dich meinen kleinen Freunden leider selbst
vorstellen“, rief sie ihm über die Schulter zu. „Wie du siehst, muss ich mich zuerst um unseren Künstler kümmern.“
Einen Augenblick später fand er sich allein vor der Tür. Der Knirps hatte sich zu einem Mädchen gestellt, dass sich im Nebenhaus aus einem Fenster im Erdgeschoss beugte und Trudi kraulte, Jons graue Mischlingshündin.
„Also gut, dann stell ich mich eben selbst vor.“ Er ging zu ihnen hinüber. „Mein Name ist Nick. Ich bin Maikes Cousin.“
„Der aus Amerika?“ Das Mädchen schaute ihn an, ohne das Kraulen zu unterbrechen.
„Der aus Amerika. Und wer seid ihr?“
„Ich bin Louisa und das ist mein Bruder Max. Wir wohnen hier.“ Sie deutete mit dem Daumen ihrer freien Hand hinter sich, ins Innere des Hauses. „Hast du deine Pferde geholt?“
„Erstmal nur drei. Wenn du willst, kannst du ja mal mit Maike vorbeikommen.“
Nun mischte sich auch Max ins Gespräch. „Ich auch?“
„Du auch.“ Nick ging vor ihm in die Knie und schaute ihn an. Braune Haare lugten kämpferisch unter einer roten Kappe hervor. Da sein rechtes Ohr ein wenig abstand, hinderte es dieselbe an einem geraden Sitz, was dem Kerlchen einen unbekümmerten, leicht verwegenen Ausdruck verlieh.
„Und, was machst du an solch einem ungemütlichen Tag hier draußen?“, fragte er ihn.
„Jons alte Kiste hat wieder gemuckt und wahrscheinlich war es heute das letzte Mal.“ Max zuckte mit den Schultern, als wäre sein Wissen über den Zustand des VWs das natürlichste der Welt.
„Und warum?“
„Risse in zwei Zylinderköpfen.“
Der Junge maß ihn mit solch einem ernsten Blick, dass sich Nick ein Lachen kaum verkneifen konnte. „Soso, die Zylinderköpfe. Und das hat Jon herausgefunden?“
„Nein“, sagte Louisa. „Meine Mutter hat ihm schon vor ein paar Wochen gesagt, dass es nicht mehr lange dauert, bis der Bus völlig hinüber ist. Tja, und jetzt ist es wohl soweit.“
„Deine Mutter hat ihm das gesagt?“ Nick amüsierte sich köstlich. Was für eine schräge Situation. Jon war ein hervorragender Musiker und konnte durchaus auch schwierige Holzarbeiten auszuführen. Gas- und Wasserrohre, elektrische Leitungen und alle Geräte, die einen Motor hatten, überließ er dagegen den Fachleuten. Welcher Teufel mochte ihn geritten haben, dass er gemeinsam mit seiner Nachbarin nach dem altersschwachen Motor sah?
Bevor er weiterfragen konnte, kam Bewegung in das zweite Paar Beine, und während sich besagte Nachbarin langsam unter dem Wagen hervorwand, sah Nick vergnügt, wie ihre Tochter blitzschnell im Haus verschwand und nahezu lautlos das Fenster schloss – dabei allerdings ein wichtiges Indiz übersah.
Er sprang auf, eilte mit drei schnellen Schritten hinüber und nahm den Kakaobecher von der Fensterbank. Ganz sicher von Maike, mutmaßte er nach einem kurzen Blick auf die kleine Fee, die über die rosafarbene Lackierung tanzte. Nun, er fühlte sich emanzipiert genug, um auch aus solch einem Gefäß zu trinken. Er probierte einen Schluck und sah seine Vermutung bestätigt. Dieses schmackhafte Gebräu konnte nur von seiner Cousine stammen.
„Ich habe ihm doch gleich gesagt, dass da nichts mehr zu machen ist“, schimpfte Max’ Mutter lautstark vor sich hin. Dann rappelte sie sich auf. „Und dafür riskiert dieser Idiot seine gesunden Finger!“
Spätestens in dem Moment, in dem sie begann, sich ausgiebig zu strecken, wanderten Nicks kulinarische Gedanken in eine andere Richtung. Eine Frau, ja, das war aufgrund der Figur eindeutig. Allerdings konnte er von ihrem Gesicht nicht viel erkennen, da sie im Augenblick damit beschäftigt war, mit einem nicht ganz sauberen Lappen heruntergetropftes Motorenöl darauf zu verschmieren. Als sie schließlich zu ihm aufsah, fielen ihm die Ölflecke auf ihren Wangen jedoch nicht mehr auf. Hellbraune Augen musterten ihn so eindringlich, dass er sich für einen kurzen Moment reichlich unbehaglich fühlte.
Wie ertappt, straffte er aus reiner Selbstbehauptung die Schultern und reichte ihr die Hand. „Nicholas Burton.“
Sie wischte sich die Hand an ihrer fleckigen Hose ab, bevor sie sie ihm reichte. „Carolina Dieckmann.“
„Es sind also die Zylinderköpfe?“, fragte er höflich.
„Zwei gerissen. Nichts mehr zu machen.“
„Darf ich mir das einmal ansehen?“
Nach einem abschätzigen Blick zog sich ein hinreißend träges Lächeln über ihr ölverschmiertes Gesicht. „Wenn Sie meinen.“ Sie trat einen Schritt beiseite.
Nick stellte den Becher zurück auf die Fensterbank, kroch unter das Fahrzeug und besah sich den Schaden. Die Frau hatte Recht. Zwei der vier Zylinderköpfe zeigten deutliche Risse. Für so einen alten Wagen das Urteil zur Verschrottung. Das würde Jon hart treffen. Seine geliebte alte Kiste.
Als er wieder unter dem Auto hervorkroch, sah sie ihm mit einem spöttischen Grinsen entgegen. „Und?“
„So wie es aussieht, ist wirklich nichts mehr zu machen.“
„Prima, dann dürfen Sie Jon die gute Nachricht überbringen. Schönen Tag noch.“ Ohne weiter auf ihn zu achten, dirigierte Frau Dieckmann ihren Sohn vor sich her und verschwand kurz darauf mit ihm in dem kleinen Häuschen.
Als Nick mit Louisas Becher in der Hand und Trudi im Schlepptau das Wohnzimmer der Vandenbergs betrat, saß Jon auf dem niedrigen blauen Ledersofa. Er war immer noch blass. „Tut mir Leid, dass ich eben so einen Aufstand verursacht habe, aber ich kann einfach kein Blut sehen.“
„Dann solltest du langsam üben, mein Lieber, oder willst du bei der Geburt nicht dabei sein?“
„Im Moment würde ich lieber sagen, das ist reine Frauensache. Vielleicht sollte Maike besser Sabine mitnehmen, oder Carolina. Die beiden haben schließlich schon Erfahrung mit diesen Dingen.“
Entspannt ließ sich Nick auf einem rot gemusterten Polstersessel nieder und stellte die geleerte Feentasse auf dem niedrigen Couchtisch ab. „Meine letzte Info war, dass Sabine samt Mann und Kind noch bis Ende des Jahres in London weilt, wo Christian einen Vertretungsjob übernommen hat.“
„Da siehst du mal, wie sehr es mich gebeutelt hat. Die einfachsten Dinge sind mir nicht mehr präsent. Also gut, wenn Sabine in London ist, dann darf Carolina Maike begleiten.“ Jon lehnte sich gegen die Rückenlehne des Sofas und schloss die Augen.
„Das meinst du jetzt aber nicht ernst, oder?“ Nick taxierte Jon mit kritischem Blick.
Der öffnete die Augen und gab sich zerknirscht. „Du gönnst einem aber auch gar nichts.“
„Nicht, wenn es auf Maikes Kosten geht.“
„Es ist gar nicht nötig, dass du meine Frau beschützt. Natürlich will ich bei der Geburt dabei sein, aber kannst du dir vorstellen, was für eine Scheißangst ich davor habe?“
Aufgewühlt fuchtelte Jon mit dem Zeigefinger seiner gesunden Hand durch die Luft. „Nachts liege ich wach und male mir stundenlang aus, was alles passieren könnte. Ich sehe Maike und mich ellenlange, auf Hochglanz polierte Linoleumböden entlang wandern. Bei jedem Schritt lösen sich unsere Schuhsohlen mit einem saugenden Plopp von den Böden. Durch die Gänge wabert in dicken Wolken der süßliche Geruch der Desinfektionsmittel. Davon ist mir schon immer schlecht geworden.“
„Kannst du mir sagen, warum eigentlich noch kein Mensch geruchlose Desinfektionsmittel erfunden hat?“, fragte er Nick, offensichtlich, ohne eine Antwort zu erwarten, denn er fuhr umgehend fort: „Und wenn ich Maike dann stundenlang
durch diese tristen Gänge begleitet habe, die Lungen vollgepumpt mit Desinfektionsmitteln, stehe ich hilflos im Kreißsaal und sehe, wie meine Frau leidet, wie sie vor Schmerzen schreit, sich windet – und überall Blut …“
Bestürzt sah Nick, dass Jons Gesichtsfarbe um weitere Nuancen blasser wurde. „Hör auf!“, knurrte er. „Dass ihr Künstler immer eure gesamte Fantasie zusammenklauben müsst, wenn es darum geht, euch etwas Dramatisches auszumalen.“
Und doch konnte er Jons Ängste gut nachempfinden. Wie auf Knopfdruck hatte er Bilder von Joshuas Geburt vor Augen, obwohl sein Sohn bereits im Teenie-Alter war. Damals hatten ihm ähnliche Gedanken den Schlaf geraubt. Auch wenn es im Nachhinein ein berauschendes Erlebnis gewesen war, beneidete er Jon nicht um das, was ihm bevorstand. Aber das musste er ihm ja nicht auf die Nase binden.
„Na, mein Held.“ Mit dem watschelnden Schritt einer Hochschwangeren kam Maike ins Wohnzimmer und setzte sich zu Jon auf die Sofalehne. „Immer noch nicht besser?“
„Es geht schon wieder.“ Jon setzte ein leicht verwackeltes Lächeln auf, als Maike das blutige Tuch durch einen sauberen Verband ersetzte.
„Hast du nicht mal ein Glas Hochprozentigen für deinen Mann? Dieses Elend kann ja kein Mensch mit ansehen.“
„Ich habe schon Teewasser aufgesetzt.“ Sie küsste Jon liebevoll auf die Wange.
Obwohl die Zuneigung der beiden unübersehbar war, hatte Nick immer noch das Gefühl, Maike schützen zu müssen. Seit ihrer Geburt war sie eine wichtige Konstante in seinem Leben und letztlich der entscheidende Faktor für die Entscheidung gewesen, wo er seine Zukunft verbringen wollte. Sie war die kleine Schwester, die er nie hatte.
Ein wenig fröstelnd rieb er seine Hände aneinander und schob die Vergangenheit wieder beiseite. „Ja, ein Tee wäre gut. Draußen ist es total ungemütlich. Kaum zu glauben, dass wir Hochsommer haben.“
„Bis auf die letzten Tage war es doch schon herrlich warm und übermorgen sollen es auch wieder über zwanzig Grad werden“, erklärte Maike, auf dem Weg zurück in die offene Küche.
Er wandte sich an Jon. „Und wieso musstest du dann ausgerechnet heute nach deinem Wagen schauen? Das hätten wir doch genauso gut in ein paar Tagen zusammen machen können.“
„Dann hätte ich mir aber deine abschätzigen Sprüche anhören müssen. Außerdem fuhr der Wagen nicht mehr, sondern tanzte nur noch in wilden Galoppsprüngen über die Straße. Da brauchte ich die freundliche Hilfe einer Fachfrau.“
„Nun, freundlich wirkte sie eher nicht.“
„Carolina? Doch, die ist sehr nett. Hat sie noch was gesagt? Kriegen wir die Kiste wieder flott?“
Jons flehender Blick tat Nick in der Seele weh und er verstand, warum Frau Dieckmann lieber ihm die Mitteilung der niederschmetternden Nachricht überlassen hatte. „Tut mir leid, mein Lieber, da ist leider nichts mehr zu machen. Du hast doch gesehen, dass zwei Zylinderköpfe gerissen sind. Willst du in diese Rostlaube wirklich noch einen neuen Motor investieren?“
„Nein, natürlich nicht.“ Resigniert schloss Jon die Augen.
„Wie kann ein Mensch nur derart an einem Auto hängen?“ Maike stellte Stövchen und Teekanne auf den Couchtisch.
„Du weißt eben nicht, was wir alles zusammen erlebt haben“, maulte Jon.
„Das will ich auch lieber gar nicht wissen“, spottete Maike. Sie holte Teller und Teetassen aus dem hellen Weichholzschrank, der den Küchenbereich vom Wohnzimmer trennte.
„Warum kennt sich eure Nachbarin denn so gut mit Motoren aus?“, wollte Nick wissen. Er lehnte sich vor und nahm einen Schokoladenkeks aus der flachen Porzellanschale, die auf dem Couchtisch stand.
„Carolina ist Kfz-Mechatronikerin.“
„Eine Frau?“
„Ja, Carolina ist eine Frau“, erklärte Maike in einem Ton, als sei Nick geistig zurückgeblieben.
„Du weißt genau, was ich meine.“
„Ist das nicht traurig? Ich meine, dass wir darüber diskutieren müssen, warum eine Frau Mechatronikerin ist. Meinst du, ihr fehlt ein entscheidendes Körperteil, um diesen Beruf ausüben zu können?“, fragte Maike bissig. Sie setzte sich neben Jon aufs Sofa und kuschelte sich in seinen gesunden Arm.
„Cousinchen, du glaubst gar nicht, wie sehr ich deine spitze Zunge vermisst habe.“ Mit einem zufriedenen Grunzlaut ließ sich Nick wieder gegen die Rückenlehne des Sessels plumpsen und nippte an seinem Zitronentee.
„Carolina ist sogar echt gut.“ Langsam nahmen Jons Wangen wieder eine gesunde Farbe an. „Sie arbeitet bei Hofmann. Nein, warte mal, der hat doch vor ein paar Monaten verkauft. Wie heißt der Laden denn jetzt?“
„Keine Ahnung“, antwortete Maike. „Auf jeden Fall verkaufen und reparieren sie immer noch Luxusschlitten. Jaguar, Bentley, Aston Martin, amerikanische Wagen“, zählte sie auf.
„Wie hält sich denn solch ein Laden in solch einer kleinen Stadt?“
„Die kommen von Köln und Aachen, bis rüber aus Belgien und Holland. Der Hofmann war bekannt bei Leuten mit dickem Portemonnaie. Die könnten dir sicher auch einen Ferrari besorgen.“
„Ich brauche keinen Ferrari, ich bin mit meinem Wagen sehr zufrieden.“
Obwohl, überlegte Nick, und stellte die Tasse zurück auf die Untertasse, vielleicht werde ich den Jaguar einmal gründlich durchchecken lassen.

Während im Nachbarhaus Tee getrunken wurde, saß Carolina in ihrem Lieblingssessel im Wohnzimmer und hielt einen Becher Kaffee in den Händen. Louisa hockte nach wie vor verdrießlich über ihren Aufgaben und für Max hatte sie oben ein Bad mit extra viel Schaum eingelassen. Eigentlich wollte sie die anstehende Renovierung ihres Schlafzimmers planen, aber irgendwie gelang es ihr nicht, sich zu konzentrieren. Immer wenn sie glaubte, einen Gedanken zu fassen zu bekommen, verschwand er wieder in den Tiefen ihres Gehirns, und vor ihrem geistigen Auge entstand die Szene vor dem Haus.
Weniger die Szene an sich entstand, es erschien viel mehr ein Bild von Nicholas Burton, einem Mann mit attraktivem Gesicht, fast waagerecht stehenden blonden Augenbrauen über leuchtend blauen Augen, in deren Winkeln sich Kränze feiner Fältchen legten, sobald er lächelte. Quer über seine linke Wange zog sich eine feine Narbe.
Maike hatte ihr erzählt, dass sein Leben vor einigen Jahren durch einen schweren Autounfall gehörig durcheinander gewirbelt worden war, und er letztendlich beschlossen hatte, in Deutschland etwas Neues aufzubauen. Allerdings schienen ihn die Unfallfolgen nicht weiter zu beeinträchtigen. Obwohl er sein linkes Bein ein wenig nachzog, war er ohne Probleme unter Jons VW-Bus gekrochen.
Carolina kuschelte sich tiefer in die Kissen, während kräftiger Regen gegen das Wohnzimmerfenster schlug. Maike erzählte ihr bereits seit Monaten begeistert von den Fortschritten, die ihr Cousin beim Aufbau seines Pferdehofs machte. Entweder hatte er viel Geld oder eine gute Bank, sonst könnte er sich neben den Investitionen in den Hof nicht auch noch einen extrem gut gepflegten Mark II leisten.
Beim Gedanken an den Oldtimer empfand sie ein sehnsuchtsvolles Kribbeln. Sein Jaguar war ein echtes Schätzchen. Und auf hohem Niveau überarbeitet. Leider hatte sie nur einen kurzen Blick darauf werfen können, aber das mit Wurzelholz verkleidete Armaturenbrett war ihr ebenso ins Auge gesprungen wie die blitzenden Chromspeichenräder. Unter der Kühlerhaube befand sich mit Sicherheit, anstatt der ursprünglichen 3,8 Liter, eine optimal eingestellte 3,4 Liter Maschine nebst 5-Gang Getrag-Getriebe. Damit machte er locker 200 km/h.
Verträumt stellte sie sich vor, auf dem bequemen Ledersitz Platz zu nehmen. Sie tippte nur leicht mit dem Fuß aufs Gas und schon flogen Bäume, Häuser und Felder an ihr vorbei. Der Motor schnurrte wie ein zufriedenes Kätzchen und die Lenkung reagierte so stabil, als fahre sie auf Schienen.
Etwas wehmütig brach sie den kurzen Ausflug ab. In den wenigen Minuten, die ihr noch vor dem allabendlichen Chaos blieben, wollte sie sich lieber noch einmal auf den Fahrer dieses Traumwagens konzentrieren.
Sie nippte an ihrem Kaffee. Leute mit Geld waren ihr prinzipiell suspekt. Auch wenn Nicholas Burton Maikes Cousin war, bildete er hierin keine Ausnahme. Die Kleidung, die er trug, hatte mit Sicherheit ein kleines Vermögen gekostet. Da ihre beste Freundin Kostümbildnerin war, war ihr Blick für alles, was Stoffe und deren Verarbeitung anging, geschärft, auch wenn sie sich selbst nicht viel aus Mode machte. Nicholas’ Jacke bestand aus bestens verarbeitetem Leder und seine Jeans trug ein Designerlabel. Sie wusste sogar, dass man die Form seiner Schuhe Loafer nannte. Und die waren mit Sicherheit nicht vom Discounter, denn das Leder wirkte weich wie Butter, als er sich vorhin unter Jons VW-Bus schob. Das zu tun, ohne Rücksicht auf drohende Ölflecke zu nehmen, machte ihn allerdings beinahe sympathisch. Andererseits unterstrich es deutlich, dass er sich keinerlei Gedanken um seine teuren Klamotten machen musste. Wahrscheinlich hatte er mehr als nur ein paar Euro zuviel auf dem Konto.
Nicht, dass sie etwas gegen Geld an sich hätte. Sie war froh, dass sie selbst genug verdiente, um für sich und die Kinder aufzukommen und gleichzeitig ihr Haus abzahlen zu können. Aber Menschen mit Geld im Überfluss machten sie misstrauisch. Sie verabscheute die hochtrabende Art der meisten ihrer gut betuchten Kundschaft ebenso wie ihre ständigen Sonderwünsche und die feste Überzeugung, dass sie alles ganz genau so erledigen würde, wie sie es wünschten.
Allerdings unterschieden sich seine Hände deutlich von denen ihrer Kunden. Während sie bei anderen Fahrern von Luxuskarossen gewöhnlich auf weiche Handflächen traf, waren Nicks eher die eines Arbeiters. Groß, kräftig und voller Schwielen.
Ein angenehmer Schauer lief ihr über den Rücken, als sie an das Begrüßungszeremoniell vor dem Haus zurückdachte. Womit vertrieb er sich bloß die Zeit, dass seine Hände dermaßen in Mitleidenschaft gezogen wurden? Für Stallarbeiten und ähnlich kraftraubende Tätigkeiten hatte er doch sicher Personal.
Sie trank ihren Kaffee aus und stellte den leeren Becher vor sich auf den Wohnzimmertisch. Es war schon lange her, dass sie einem Mann so viel Platz in ihren Gedanken einräumte. Wann hatte sie eigentlich damit aufgehört, über Simon nachzudenken? Und wann hatte sie damit aufgehört, darauf zu warten, dass er anrief? Oder dass er zumindest den Kindern eine Postkarte schickte?
„Mama, ich bin fertig, kann ich jetzt fernsehen?“
Froh, aus dieser unerfreulichen Gedankenkette befreit worden zu sein, breitete Carolina die Arme aus und zog Louisa auf ihren Schoß.
„Hast du deine Sachen weggeräumt?“, fragte sie ihre große Tochter, die manchmal noch so gern ein kleines Mädchen war.
„Noch nicht, mach ich gleich.“ Zufrieden schloss Louisa die Augen und ließ sich von ihr den Rücken kraulen.
„Bitte noch, bevor du den Fernseher anmachst. Wenn ich Max aus der Wanne geholt habe, möchte ich Abendbrot machen. Ist morgen irgendetwas Besonderes in der Schule?“
„Nö“, nuschelte Louisa entspannt.
Einen Moment später richtete sie sich jedoch kerzengerade auf. „Meinst du, wir haben morgen überhaupt Orchester? Vielleicht sollte ich noch einmal bei Jon klingeln und fragen, wie es ihm geht.“
„Du gehst heute nirgendwo mehr hin. Jon und Maike haben Besuch.“
„Warum spricht Nick eigentlich so gut Deutsch? Ich denke, der kommt aus Amerika?“
„Woher weißt du denn, wer bei Maike zu Besuch ist?“
Das rot anlaufende Gesicht ihrer Tochter sprach Bände, aber da sie den kostbaren, friedlichen Moment nicht zerstören wollte, ging sie nicht weiter darauf ein. „Ich glaube nicht, dass Jons Verletzung so schlimm ist, dass er morgen nicht unterrichten kann. Du kannst deine Geige ruhig mitnehmen.“
„Und die Sportsachen. Morgen will Jon mit uns Hockey spielen. Und wenn ich alles gepackt habe, gucke ich Die Simpsons.“ Mit einem Satz sprang Louisa von Carolinas Schoß und rannte aus dem Zimmer.
„Womit die Pause wohl vorbei wäre“, sagte Carolina zu sich selbst. Sie schälte sich aus der leichten Wolldecke und stand auf. Zuerst würde sie Max aus der Wanne holen, anschließend mit den Kindern zu Abend essen, danach Max ins Bett bringen, vorlesen, alles für den nächsten Tag vorbereiten, ausgiebig Louisa Gute Nacht sagen und abschließend vielleicht noch ein paar Seiten lesen, ehe sie selbst schlafen ging. Ein Abend wie jeder andere. Ein Abend mit den Kindern. Ein Abend in ihrem eigenen Haus. Ein schöner Abend.

Kapitel 2

Genervt prüfte Carolina die Zündkontakte eines Aston Martins, in Gedanken immer noch beim obligatorischen Morgenwahn ihrer beiden Sprösslinge. Bevor sie richtig wach gewesen war, erschien Louisa bereits mit einem überlangen, wild bedruckten T-Shirt im Badezimmer, das sie offensichtlich beim letzten Omabesuch erstanden hatte. Carolinas Bemerkung, dass es mit den vielen Totenköpfen doch reichlich deprimierend aussähe, kam einem Stich ins Wespennest gleich.
Während des gesamten Frühstücks hatte sie sich anhören müssen, wie unfair sie sei, wie wenig Modebewusstsein sie hätte, und dass alle anderen Mütter wüssten, dass es sich bei diesem hauchdünnen, knielangen Etwas um kein T-Shirt, sondern um ein hochmodisches Top handelt. Und überhaupt, Totenköpfe seien total hip.
Um die Stimmung weiter anzuheizen, hatte der Toaster mehrere Ladungen Briketts fabriziert, so dass beide Kinder darüber jammerten, immer altes, vertrocknetes Brot essen zu müssen. Als sie dann gerade aus dem Haus wollten, fiel Max noch ein, dass die Kaninchen frisches Wasser brauchten. Leider hatte er es daraufhin nicht nur in deren Trinknapf, sondern auch über Jeans und Sandalen gegossen. So hatte sie ihn aus seinen Klamotten geschält, frische Sachen rausgesucht, ihm beim Anziehen geholfen, und endlich mit fliegenden Fahnen das Haus verlassen.
Eigentlich ein Morgen wie jeder andere, und doch fühlte sie sich heute wie durch die Mangel gedreht. Dass in den unpassendsten Momenten Bilder von Nicholas Burton durch ihr Hirn schossen, diente auch nicht unbedingt dem Finden ihrer seelischen Balance.
„Carolina?“
Unsanft aus ihren Gedanken gerissen, schaute sie ihren Kollegen an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.
„Du sollst zum Schröder ins Büro kommen.“
„Warum? Ich bin mitten in der Arbeit.“ Genervt legte sie den Spannungsmesser zur Seite.
„Irgendein feiner Pinkel, der dich sehen will. Keine Ahnung, warum. Vielleicht werden wir ja jetzt auch in den Kundendienst mit einbezogen, wer weiß?“ Sichtlich froh über die kleine Pause, die ihm durch den Botengang vergönnt war, lehnte sich Sascha lässig gegen den Kotflügel eines 57er Thunderbird.
„Auf mich macht der Schröder nicht den Eindruck, als würde er sich irgendwas aus der Hand nehmen lassen. Schon gar nicht den Kundenkontakt.“
„Aber du bist doch unser Aushängeschild“, lästerte Sascha.
„Quatsch, wir wissen beide, dass er froh gewesen wäre, mich bei der Übernahme loszuwerden.“
Aber als der alte Hofmann den Betrieb vor knapp drei Monaten verkauft hatte, stellte er vertraglich sicher, dass der neue Inhaber alle Angestellten übernimmt. Auch sie, obwohl Schröders Meinung nach eine Frau in einer Autowerkstatt nichts zu suchen hat und absolut unprofessionell auf seine anspruchsvolle Kundschaft wirken würde.
„So eine hübsche Frau wie du, der hat doch keine Ahnung.“ Sascha flirtete so unbeschwert, dass sie unwillkürlich schmunzeln musste.
„Hier geht es wohl weniger ums Aussehen, wobei deine Meinung stark subjektiv gefärbt ist. Aber ich weiß, was ich kann. Ich werde ihn schon noch überzeugen.“
„Ich weiß auch, was du kannst. Und ich weiß, dass du gut aussiehst.“ Sascha stemmte sich vom Kotflügel ab, griff ihr neckend ins Haar und machte sich wieder davon.
Carolina putzte sich die Hände an einem Lappen ab und sah ihm hinterher. Mit achtundzwanzig Jahren, ohne die Verantwortung für eine Familie tragen zu müssen, war das Leben für Sascha noch ein aufregendes Spiel. Sie wusste, dass er an den Wochenenden mit Freunden Autos frisierte und sich anschließend verbotene Rennen lieferte. Montags erzählte er ihr oft ausgiebig von durchzechten Nächten in der Kölner Altstadt, wo er, begleitet von seinen Kumpels und stets wechselnden Freundinnen, gerne abfeierte. Und obwohl sie seine übermütigen Einladungen, ihn doch auch einmal zu begleiten, bisher immer dankend abgelehnt hatte, war es Sascha im Laufe der Zeit gelungen, ihr Bedürfnis auf Distanz systematisch zu untergraben.
Noch immer in Gedanken, betrat sie das Büro ihres Chefs und hatte das Gefühl, geradewegs gegen eine Wand zu laufen. Noch vor ein paar Minuten hatte er in ihrem Kopf herumgespukt und nun saß Nicholas Burton hier im Büro und musterte mit amüsierter Miene ihren unförmigen Overall.
„Da sind Sie ja, Frau Dieckmann. Wie ich höre, kennen Sie sich schon?“ Jovial, und wie immer eine Spur zu laut, wenn Kunden anwesend waren, wurde sie von Herrn Schröder empfangen. Mit seinen schwarzen zurückgegelten Haaren und dem teuren Maßanzug verkörperte er für sie das Ebenbild des aalglatten Geschäftsmannes.
„Guten Tag, Mister Burton“, begrüßte sie Nicholas sachlich. „Ist mit Ihrem Mark II etwas nicht in Ordnung?“
„Ich weiß es nicht. Bei Fahrten auf der Autobahn höre ich oft so ein summendes Geräusch.“
„Ein summendes Geräusch?“
„Ich kann das ganz schlecht beschreiben. Deshalb habe ich Herrn Schröder gebeten, ob es nicht möglich wäre, dass jemand von Ihnen den Wagen Probe fährt.“
„Das ist doch überhaupt keine Frage“, mischte sich ihr Chef ins Gespräch. „Und da Mister Burton Sie schon kennt“, wandte er sich ölig an Carolina, „möchte ich Sie bitten, dass Sie diese Probefahrt mit ihm machen.“
„Dann geh ich mich mal umziehen.“ Mit einem knappen Kopfnicken verließ sie das Büro.
„Ich möchte Sie darum bitten“, äffte sie Schröder leise nach, als sie durch den Flur in Richtung Werkstatt ging. So ein Quatsch. Wütend schlug sie sich mit der Hand gegen den Oberschenkel, während sie die große Halle durchschritt. Als wenn sie überhaupt die Möglichkeit gehabt hätte, abzulehnen.
„Und? Was wollte der hohe Herr von dir?“
„’Probefahrt mit dem Mechaniker Ihres Vertrauens’“, zischte sie und eilte an Sascha vorbei zum Umkleideraum.
„Vielleicht eine neue Art von Kundenservice“, feixte der und folgte ihr. „Wer weiß, vielleicht müssen wir demnächst alle zum Fotografen. Dann hängt er die Fotos an eine große Schautafel und da kann sich jeder Kunde den Mechaniker seines Vertrauens aussuchen. Bei den Snobs wäre das sicher gutes Marketing. Sollte ich dem Chef mal vorschlagen.“
„Als wenn ich nicht auch so schon genug zu tun hätte“, knurrte Carolina.
„Denk doch mal positiv. Sieh es als gutes Zeichen, dass der Chef dich als Frau mit solch schwierigen Aufgaben betraut“, erklärte Sascha mit ernstem Gesicht, verdrehte jedoch gleichzeitig die Augen.
„Du Clown.“ Sie lachte und schlug ihm die Tür des Umkleideraums vor der Nase zu.
Den Namen des Unternehmens hatte Herr Schröder nicht geändert. ‚Hofmann-Automobile’ war über die Grenzen hinaus ein Markenzeichen, das für Qualität und Luxus stand. Aber nun prangte der alte Name in protzigen goldenen Buchstaben auf den neuen schwarzen Overalls, die die Mechaniker seit der Übernahme zu tragen hatten. Manchmal ist weniger mehr.
Vielleicht war sie auch zu kritisch, aber auf sie wirkte Schröder wie ein falscher Fuffziger.
Carolina ging hinüber zum Waschbecken und wusch sich gründlich die Hände. Er war bestimmt niemand, der sich schützend vor seine Angestellten stellen würde, wie der alte Hofmann. Der hatte es immer geschafft, bei Differenzen die Wogen zu glätten, ohne dass jemand sein Gesicht verlor. Der Schröder war da aus anderem Holz geschnitzt. Für ihn stand über allem der Kunde – nicht zu vergessen das Geld, das er an ihm verdiente. Wahrscheinlich stand er schon draußen im Hof und strich Mister Burton um den Bart.
Carolina trocknete sich die Hände ab, dann zog sie ihre Sneakers an. Aber auch wenn er noch so schleimte, das war seine Sache. Dieser Job war wichtig, vor allem jetzt, wo sie das Haus abbezahlen musste. Und die Arbeit machte ihr Spaß. Wert auf familiäres Klima legte sie sowieso nicht. Sie kam gut mit ihren Kollegen aus, ansonsten ließen sie sich gegenseitig in Ruhe. Sie würde ihn schon noch mit guter Leistung von ihrem Können überzeugen.
„Was natürlich leichter wäre, wenn er mich meine Arbeit machen lassen würde, anstatt gelangweilten Schnöseln die Zeit zu vertreiben“, grummelte sie vor sich hin.
Aber so wie es aussah, gehörte auch das ab jetzt zu ihrem Aufgabenbereich. Also schlüpfte sie rasch in ihre Jeansjacke, fuhr sich mit den Händen durchs Haar und machte sich auf den Weg in den Hof.

Als er Carolina herauskommen sah, ging ihr Chef ihm bereits gehörig auf die Nerven. Wenn er eins nicht mochte, waren es Leute, die seines Geldes wegen anfingen, zu schleimen. Und dieser Typ spürte nicht mal, dass er zunehmend Gefahr lief, auf seiner Schleimspur auszurutschen und sich kräftig zu stoßen.
Glücklicherweise verhinderte Carolinas Auftritt, dass er unhöflich wurde, denn als er ihrem Blick begegnete, war Schröder im Bruchteil einer Sekunde Vergangenheit. Genau dieser ernste und distanzierte Blick, der ihn an die hochmütigen Augen einer Löwin erinnerte, hatte ihn letztendlich dazu veranlasst, nach einem Vorwand zu suchen, sie wiederzusehen.
Obwohl ihre Körperhaltung auch heute nichts anderes ausstrahlte als Distanz, spürte er die gleiche Irritation wie vier Tage zuvor, als sie in einem schlabberigen, ölverschmierten Fleece und ähnlich verstrubbeltem Haar wie heute unter Jons Auto hervorgekrabbelt kam.
„Dann kann es ja losgehen.“ Nick öffnete die Fahrertür und reichte ihr den Autoschlüssel, den sie ohne erkennbare Gefühlsregung entgegen nahm.
Als sie ihm die Tür förmlich aus der Hand riss, um sie zu schließen, musste er sich jedoch ein Schmunzeln verkneifen. Offenbar legte die Dame viel Wert auf Unabhängigkeit. Auch als er schließlich neben ihr saß, zeigte ihr Gesicht keine Regung. Nachdem er sich angeschnallt hatte, startete sie einfach den Motor und fuhr los.
„Autobahn?“ Ihr Blick ruhte weiterhin stur auf der Straße.
„Ja, Autobahn wäre gut. Das Geräusch tritt immer erst auf, wenn ich eine Zeit lang schnell gefahren bin.“
Sie bog rechts ab und fuhr in Richtung A 1. „Schnell fahren ist ein relativer Begriff.“
Irrte er sich, oder sah er tatsächlich ein leichtes Flackern in den Augen? „Gute 160 müssten es schon sein.“
„Dann fahren wir in Richtung Blankenheim, da ist die Autobahn schön frei.“
Sehr gut. Der erste Punkt ging an ihn. Hin und zurück wären sie mindestens eine dreiviertel Stunde lang unterwegs. Genug Zeit, um die Frau neben sich ein wenig besser kennenzulernen.
Souverän schaltete sie in die verschiedenen Gänge, zog an langsameren Fahrzeugen vorbei, ohne die vor ihr fahrenden Wagen zu bedrängen. Da sie nicht den Eindruck machte, Konversation führen zu wollen, lehnte er sich entspannt zurück und genoss es, ihr zuzusehen.
„Könnten Sie mir das Geräusch näher beschreiben?“, fragte sie, als sie ungefähr die Hälfte der Strecke nach Blankenheim zurückgelegt hatten. Die Stirn in Falten gezogen, lag auf ihrem Gesicht der Ausdruck höchster Konzentration.
„Es ist so ein leises Summen.“ Er gab einen hohen Summton von sich und wand sich innerlich. Seit wann machte er sich für eine Frau komplett zum Idioten?
„Können Sie es jetzt gerade hören?“
„Nein, im Moment läuft er ganz ruhig. Aber das ist genau das Problem. Dieses Summen tritt nicht immer auf und wenn, dann erst nach einiger Zeit bei hohem Tempo.“
„Hmm.“ Sie lenkte den Jaguar weiterhin zügig durch den ruhig fließenden Verkehr und nutzte jede freie Strecke, um den Wagen auf Geschwindigkeit zu bringen.
Eine knappe halbe Stunde später näherten sie sich wieder der Zülpicher Abfahrt.
„Tut mir Leid“, meinte Carolina, ohne den Blick von der Fahrbahn zu nehmen. „Ich konnte nichts Auffälliges feststellen. Der Wagen liegt gut auf der Straße, der Motor läuft rund und außer den üblichen Fahrgeräuschen habe ich nichts gehört. Möchten Sie den Wagen in der Werkstatt lassen, damit wir ihn uns genauer ansehen können? Wir würden Ihnen gerne ein Ersatzfahrzeug zur Verfügung stellen.“
„Nein, danke. Ich glaube, das ist nicht nötig. Bisher habe ich noch keine Beeinträchtigung der Fahrleistung festgestellt. Aber falls es doch dazu kommen sollte, bringe ich Ihnen den Wagen vorbei. Es ist wie meist: Wenn man auf etwas wartet, passiert nichts.“
Er rechnete es ihr hoch an, dass sie sich auf diese eloquente Erläuterung jeglichen Kommentar verkniff. Wahrscheinlich dachte sie, dass diese Spritztour nicht mehr war, als die Laune eines überkandidelten Millionärs. Womit sie allerdings nur bedingt Recht hatte, denn auf diese Weise hatte er sie wirklich ein gutes Stück näher kennengelernt. Über einen längeren Zeitraum schweigend mit jemandem zusammenzusitzen, war die beste Möglichkeit, um die Sympathie für einen anderen Menschen zu testen. Und in diesem besonderen Fall hatte sich seine Vermutung bestätigt. Er konnte sie wirklich gut leiden, denn trotz ihres Schweigens hatte er sich in keinem Moment unwohl gefühlt. Im Gegenteil. Er hätte noch stundenlang so weiterfahren können.
„Können wir sonst noch etwas für Sie tun?“ So souverän, wie sie gefahren war, lenkte Carolina den Jaguar in eine Parklücke auf dem Hof des Autohauses und stellte den Motor ab.
Sie könnte noch viel für ihn tun, aber das war wohl nicht der passende Zeitpunkt, um darüber zu sprechen. „Nein. Danke. Ich werde einfach abwarten, ob das Geräusch noch einmal auftritt und mich dann möglichst umgehend mit Ihnen in Verbindung setzen. Trotzdem, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.“
„Keine Ursache. Schließlich gehört das zu meinem Job.“ Mit einem kurzen Nicken verabschiedete sie sich von ihm und eilte zurück in die Werkstatt.
Er schaute ihr hinterher. Obwohl sie vom Aussehen ein ganz anderer Typ als seine Cousine war, erinnerte ihn ihre Art sehr an Maike. Wobei Maike die kühle Distanz vor allem nutzte, wenn sie sich unsicher fühlte, während Carolina offenbar ein Mensch war, der diese Distanz lebte. Wie er von Maike wusste, war Carolina ein Mensch, der gerne alleine war und andere bewusst aus seinem Leben ausschloss. Aber da sie trotz ihres eigenbrötlerischen Wesens auch zu Jon und Maike Kontakt aufgebaut hatte, war er zuversichtlich. Wie hatte er eben noch so schön gesagt? ‚Wenn man darauf wartet, passiert nichts’. Nun, er hatte bitter lernen müssen, dass es nichts brachte, immer nur abzuwarten. Er würde nichts überstürzen, aber diese Frau wollte er näher kennenlernen. Er würde handeln.

„Was wollte dieser Typ denn von dir?“ Mit kaum verhohlener Neugierde stand Sascha am Eingang der Werkstatt und sah Burtons Wagen hinterher.
„Überhaupt nichts. Irgendein Motorengeräusch. War aber nichts zu hören.“ Ohne stehenzubleiben, machte Carolina sich wieder auf den Weg in den Umkleideraum. Dieses kleine Intermezzo hatte sie viel Zeit gekostet. Sie würde die Mittagspause durcharbeiten müssen, damit sie Max pünktlich von der Kita abholen könnte. Sie hatte ihm versprochen, mit ihm und seinem Freund Leon zum neuen Abenteuerspielplatz unterhalb der Burgmauer zu gehen.
„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass es diesem Typ wirklich um ein Motorengeräusch ging, oder? Der ist scharf auf dich.“ Ein breites Grinsen auf dem Gesicht, blieb Sascha in der geöffneten Tür des Umkleideraums stehen.
„Quatsch.“ In Gedanken noch bei der Planung des Nachmittags, nahm Carolina ihren Overall aus dem Spind.
„Warum wollte der Schröder denn unbedingt, dass du mit ihm fährst? Das ist doch normalerweise Jürgens Job.“
„Weil er mich kennt. Seine Cousine ist meine Nachbarin.“ Rasch zog sie Jacke und Sneakers aus und schlüpfte in ihre Arbeitskluft. „Außerdem ist es mir schnurz, was er will. Ich habe kein Interesse.“ Während sie ihre Arbeitsschuhe anzog, schaute sie ihn mit einem trägen Lächeln an. „Bist du etwa eifersüchtig?“
Sie wusste, dass Sascha kein ernsthaftes Interesse an ihr als Frau hatte. Seine derzeitige Freundin war zweiundzwanzig, sie selbst sechsunddreißig. Aber gerade dieses Wissen machte es ihnen herrlich leicht, einander zu necken. Mit seiner Anhänglichkeit und seinem Charme wirkte er auf sie wie ein kleiner Bruder, mit dem sie unbeschwert herumblödeln konnte.
„Aber sicher! Wer will nicht so eine tolle Frau wie dich!“ Inzwischen griente Sascha bis über beide Ohren. „Wie wär’s, sollen wir beide am Samstagabend auf die Piste gehen?“
„Das bietest du mir doch nur an, weil du genau weißt, dass ich ablehne.“
„Wer weiß, wer weiß“, lachte er übermütig. Dann zog er sie hinter sich her, zurück in die Werkstatt.

Schließlich hatte sie es doch noch geschafft, Max pünktlich abzuholen und mit ihm zum Spielplatz zu fahren. Sie genoss die Zeit, in der sie es sich auf einer Bank bequem machen und Max und Leon beim Ritterspielen zuschauen konnte. Nachher würde sie noch einkaufen und anschließend Louisa von einer Freundin abholen müssen. Und dann begann das Abendprogramm.
Zum Abendessen sollte es Spaghetti mit Tomatensoße geben. Da sie dem Kochen noch nie irgendwelche positiven Seiten abgewinnen konnte, standen immer nur Gerichte auf dem Programm, die ihr schnell von der Hand gingen. Manchmal hantierte sie auch gemeinsam mit den Kindern in der Küche und jeder erzählte, was er tagsüber erlebt hatte. So wie heute.
Louisa wusch den Salat, Max verrührte das Zitronen-Joghurt-Dressing und sie selbst stand am Herd und kochte die Tomatensoße. Gerade hatte Max davon erzählt, dass er mit seiner Kitagruppe im Europawald der Landesgartenschau gewesen war, als Louisa wieder damit anfing, dass sie auch den Auftritt von Lenas Bauchtanzgruppe sehen wollte.
„Warum können wir nicht dieses Wochenende zu Oma und Opa fahren? Ich will nächste Woche mit zum Bauchtanz!“
„Oma und Opa haben aber dieses Wochenende keine Zeit für euch.“ Carolina schloss kurz die Augen, beschwor sich, ruhig zu bleiben und rührte stoisch weiter.
„Dann lassen wir das Wochenende in Hellenthal eben ausfallen und bleiben nächste Woche auch hier.“
„Louisa, das geht nicht, also hör auf zu quengeln. Du weißt genau, dass ich dann mein Schlafzimmer machen will. Wenn ich den Boden lackiere, möchte ich keinen von euch hier im Haus haben. Das wird so schon stressig genug, wenn alles trocken und gelüftet sein soll, bis ihr Sonntagabend zurückkommt.“
„Lena hat mir aber versprochen, dass ich dieses Mal dabei sein darf“, insistierte Louisa.
Mit Joghurt verschmiertem Mund schaute nun auch Max von der Salatschüssel auf. „Dann will ich aber auch mit.“
„Es bleibt keiner von euch hier und damit basta.“ Genervt blitzte Carolina ihre Kinder an. Sie hatte einen langen Tag hinter sich und keine Lust mehr auf endlose Diskussionen.
Aber so schnell gab Louisa nicht auf. „Du machst es dir schön und wir müssen wieder zu Oma und Opa.“
Das war genau das Argument, das ihr noch gefehlt hatte.
„O ja! Du hast Recht.“ Wütend nahm sie den Topf vom Herd und wandte sich Louisa zu. „Ich werde es mir bestimmt wunderschön machen! Wenn ich es dieses Wochenende schaffe, die restlichen Rigipsplatten zu installieren, kann ich nämlich nächsten Samstag damit anfangen, den Fußboden zu lackieren. Himmlisch, denn dazu werde ich stundenlang auf den Knien herumrutschen. Wenn ich schließlich fertig bin, mir Knie und Rücken weh tun und ich eigentlich am liebsten nur noch ein langes Bad nehmen würde, werde ich, Lena zuliebe, zu ihrem Auftritt auf der Seebühne fahren. Wenn ich aber nicht fertig werden sollte, muss ich am Sonntagmorgen ganz früh aufstehen und weiterarbeiten, damit ihr am Sonntagabend nicht mehr von irgendwelchen Lösungsmitteln benebelt werdet. Wenn der Fußboden lackiert ist und nur noch trocknen muss, kann ich endlich die neue Lampe im Badezimmer anschließen und als Überraschung für euch hatte ich mir überlegt, die Gardinenstangen in euren Zimmern aufzuhängen, die wir letzte Woche bei IKEA gekauft haben. Aber, wenn ich es mir recht überlege, sollte ich doch lieber mit euch nach Hellenthal fahren und es mir bei Oma Lieschen gemütlich machen. Bestimmt backt sie uns einen leckeren Schokoladenkuchen. Wir könnten im Wildgehege Condor Santiago besuchen oder Schwimmen gehen. Allerdings bliebe das Wohnzimmer noch länger mit meinen Sachen blockiert und auch oben sähe es weiterhin so aus, als wären wir mitten im Umzug. Eure Fenster hätten nach wie vor keine Gardinen und im Badezimmer hinge immer noch die trübe Funzel, die wir schon von Frau Krautwig übernommen haben!“
Es war wieder einmal Max, der die Spannung löste, die in der Luft lag. „Also ich fahre lieber zum Schwimmen. Was soll denn schon toll daran sein, wenn Frauen in Schlabberkleidern tanzen?“ Damit war die Sache für ihn erledigt und er rührte wieder mit dem Schneebesen in der Joghurtsoße herum.
„Also gut, dann eben Hellenthal.“
Carolina konnte sehen, wie schwer es ihrer Tochter fiel, nachzugeben, aber das Leben war kein Wunschkonzert.

Kapitel 3

Eine Woche später stand sie am Fenster ihres zukünftigen Schlafzimmers und genoss den Ausblick. Vor kaum mehr als zwei Jahren hatte dieses Häuschen noch mutterseelenallein auf dem Feld gestanden. Inzwischen befand es sich inmitten eines Neubaugebiets mit Blick auf den Zülpicher See. Umgeben von modernen, großzügigen Einfamilienhäusern mit ausgedehnten Gärten, wirkte es für Außenstehende sicher besonders klein und heruntergekommen. Aber sie hatte sich bereits verliebt, in dem Moment, in dem sie es zum ersten Mal besichtigt hatte. Dazu genoss sie dieses Jahr auch noch den freien Blick auf die Blütenpracht der Landesgartenschau, die sich rund um den See erstreckte.
Carolina wandte den Kopf und begutachtete, was sie bisher geschafft hatte. Sie freute sich schon darauf, nächste Woche endlich in ihr eigenes Reich einzuziehen. Bevor sie mit dem Dachausbau beginnen konnte, hatten andere Renovierungsarbeiten Vorrang gehabt. Deshalb verschwendete sie nach wie vor jeden Tag kostbare Zeit mit dem Auf- und Abbau ihres Gästebetts. Aber mit diesem Provisorium wäre es glücklicherweise bald vorbei.
Kritisch musterte sie die Längsbahn, die sie gerade beendet hatte und nutzte den Augenblick, um ihre Arme hoch über den Kopf zu strecken und ihren Rücken zu dehnen. Wenn alles so gut weiterlief, wäre der Lack bis morgen Abend durchgetrocknet und sie könnte Montagabend anfangen, zu tapezieren. Nein, Montagabend musste sie Louisa zum Reiten fahren. Aber am Dienstag.
Da ihre Schlafzimmermöbel nicht mehr viel hergaben, freute sie sich umso mehr auf das ausgebaute Zimmer. Auf dem glänzend lackierten Dielenboden, umgeben von frisch tapezierten, in einem kräftigen Grün gestrichenen Wänden, würden ihr die alten Möbel gar nicht mehr auffallen. Außerdem hatte sie sich ein Dachfenster einbauen lassen, durch das sie nachts die Sterne sehen könnte. Wer brauchte da neue Möbel?
Wenn sie dann noch die Treppen abgezogen und lackiert hätte, wären die wichtigsten Arbeiten im Haus endlich abgeschlossen. Bis auf die Sanierung des Badezimmers. Das würde warten müssen, bis sie wieder etwas angespart hätte.
Nun, sparen war ja nichts Neues. Seufzend nahm sie den Pinsel wieder zur Hand und setzte ihre Arbeit fort. Sie hatte schon immer gespart. Ihre Eltern hatten sie mit Taschengeld stets knapp gehalten. Sie hatte früh kleinere Jobs angenommen, um sich etwas dazuzuverdienen. Als sie nach dem Abi mit ihrer Freundin Lena nach Köln gezogen war, mussten sie mit ihren Azubigehältern die winzige Wohnung und ihren Lebensunterhalt finanzieren. Und als sie schließlich Simon kennenlernte …
Simon. Carolina hielt einen Moment inne und dachte an die stürmische Zeit, die sie mit ihrem Exmann verlebt hatte. Diesem schlaksigen Gitarristen, der damals mit seiner mittelmäßigen Band in drittklassigen Nachtklubs aufgetreten war. Ein großer, verspielter Junge, für den das Leben nur aus Spaß und seiner Musik bestand. Und in den sie sich auf den ersten Blick verliebt hatte.
Die Band, mit der Simon damals zusammen auftrat, hatte sich kurz nach ihrem Kennenlernen wegen Erfolglosigkeit aufgelöst. Und damit begann sein Tingelleben. Hier ein Gig, da ein paar Stunden Unterricht. Er war ein guter Gitarrist, ohne Frage, aber seine Vorstellung von dem, was er konnte und dem, was er wollte, stimmte nicht mit der Realität überein. Keine Band war ihm gut, kein Club exklusiv genug. Aber er konnte es sich auch leisten, wählerisch zu sein, denn diejenige, die für ein regelmäßiges Einkommen sorgte, war stets sie selbst gewesen.
Carolina lackierte mit gleichmäßigen Bewegungen das nächste Dielenbrett. Sie hatte ihn wirklich geliebt und in den ersten Jahren ihrer Ehe über vieles hinweggesehen. Nach Jahren des Umherziehens, in denen sie sich manchmal wochenlang nicht sahen, meinte Simon, dass Berlin der einzige Ort sei, an dem er vernünftig arbeiten könne. Aber zu diesem Zeitpunkt existierte ihre Ehe bereits nur noch auf dem Papier. Er ging allein.
Ob der Aufbau eines Pferdehofs für den reichen Nicholas Burton auch nur ein großer Spaß war, der so lange anhielt, bis das Projekt vollendet war? Vielleicht war auch er jemand, der für nichts wahrhaftig die Verantwortung übernahm.
Mit kräftigen Strichen zog Carolina den Pinsel über das abgeschliffene Holz. Rein äußerlich hatten die beiden Männer überhaupt nichts miteinander gemein. Während Simon mit seinen langen, schlaksigen Gliedern immer ein wenig ungelenk wirkte, waren Nicks Bewegungen trotz seiner Behinderung geschmeidig. Er wirkte kräftig und durchtrainiert. Auch mit seinen blonden Haaren und den leuchtend blauen Augen unterschied er sich grundlegend von ihrem Exmann, in dessen dunkelbraunen Augen sie regelmäßig vor lauter Liebe zu ertrinken drohte. In diesem sinnlichen Blick, den Simon immer wieder gezielt einsetzte, um sie versöhnlich zu stimmen.
Zögernd ließ sie sich auf die Fersen zurücksinken und strich sich mit ihrer freien Hand über den Bauch. Sie wusste immer noch nicht, ob es zwischen diesen beiden Männern irgendwelche Ähnlichkeiten gab, aber sie wusste genau, dass dieses angenehme Ziehen in ihrem Bauch weder Simon, noch der Erinnerung an seine schönen Augen galt.
Dann klingelte es an der Haustür. Erfreut über eine Ablenkung, legte sie den Pinsel quer über die Lackdose, nahm die Atemschutzmaske ab und wankte mit steifen Schritten die Treppen hinunter.
Vor der Tür stand Sascha, neben sich einen großen grauen Kasten.
„Hallo, Sascha, was schleppst du denn da an?“
„Einen Heizlüfter. Damit es schneller trocknet und die Kinder morgen keine Probleme bekommen.“
Sie beäugte ihn skeptisch. „Sieht ein bisschen altersschwach aus.“
„Ist aber noch voll funktionstüchtig.“ Sascha wuchtete den Kasten hoch und schleppte ihn ins Haus.
„Meinst du wirklich, das geht schneller? Es ist doch warm draußen.“
Sie folgte ihm über die Treppe zum ersten Stock und anschließend die schmale Stiege hoch bis unters Dach.
„So hast du die Wärme auch drinnen.“ Sascha stellte den Kasten auf den Boden und sah sich um. „Außerdem ist das Ding noch gar nicht so alt. Höchstens sechs, sieben Jahre. Den hat mein Bruder gekauft, als er damals gebaut hat. Ist inzwischen ganz schön rumgekommen, von Baustelle zu Baustelle. Der heizt nicht nur, den kannst du auch auf ‚Entfeuchten’ stellen. Das hilft grandios.“
„Wirkt aber trotzdem ganz schön mitgenommen.“ Der graue Metallkasten war schon an etlichen Stellen angeschlagen. An der rechten oberen Ecke zierte ihn ein tiefer Knick.
„Das ist alles nur Kosmetik. Der ist technisch einwandfrei. Wo hast du denn eine Steckdose? Dann zeige ich dir kurz, wie er läuft.“
„Am besten steckst du ihn hier an der Tür ein, dann kann ich ihn mir in Position ziehen, sobald ich weiß, wie weit ich heute noch komme.“
„Und du bist sicher, dass ich dir nicht helfen soll?“ Sascha beäugte skeptisch den Fußboden, von dem bisher erst gut die Hälfte lackiert war.
„Heute werde ich sowieso nicht mehr fertig. Du kannst also ruhigen Gewissens ins Wochenende abschieben. Wartet Jessica nicht schon auf dich?“ Sie gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter.
„Die könnte ruhig warten, aber heute Nachmittag rechnet sie sowieso nicht mit mir. Die hat Stress. Die tritt doch heute mit ihrer Bauchtanztruppe auf.“
„Stimmt, wir sehen uns ja gleich.“
„Und Morgen? Bis ein Uhr hätte ich Zeit.“
„Ich arbeite lieber allein. Danke.“
„Okay, dann zeige ich dir nur noch kurz, wie die Kiste funktioniert. Siehst du? Einfach nur an diesem Schaltknopf drehen: Lüften, Entfeuchten oder Heizen.“ Sascha ging locker in die Knie, drehte den grauen Schaltknopf auf Entfeuchten und drückte anschließend auf den breiten Powerknopf.
Sofort setzte sich das Gerät laut zischend in Gang.
„Gegen die Lautstärke lässt sich leider nichts machen“, erklärte er mit deutlich erhobener Stimme. „Aber du wirst sehen, dass es den Trockenvorgang prima unterstützt. Du musst es nachher nur noch weiter in den Raum hineinstellen.“
„Meinst du nicht, es reicht, wenn ich die Fenster auflasse?“ Carolina war noch immer nicht restlos vom Sinn dieser Aktion überzeugt. Sie hatte bereits eine auf astronomische Summen emporschießende Stromrechnung vor Augen.
„So hast du ein schnelleres Ergebnis. Das ist es doch, worum es dir geht, oder? Wenn Max und Louisa morgen Abend wieder zurückkommen, wird alles trocken sein.“
„Also gut.“ Sie drückte auf den Powerknopf und atmete tief durch, als das Getöse verstummte. „Heute stelle ich das Ding sicher nicht mehr an, aber wenn ich morgen fertig bin und die Gardinenstangen aufhänge, werde ich es ein paar Stunden laufen lassen. Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast.“
„Kein Problem. Ich bin dann mal weg.“
„Tut mir Leid, aber für einen Kaffee habe ich heute wirklich nicht die Zeit“, entschuldigte sie sich.
„Kein Problem. Soll ich dich heute Abend abholen? Jessica muss ja schon um acht auf der LAGA sein. Ich könnte sie dort absetzen und dich holen kommen.“
Sie wischte sich mit dem Handrücken die verschwitzten Ponyfransen aus der Stirn. „Danke, aber ich werde von Maike und Jon mitgenommen. Jons Schwester Jule tanzt auch mit.“
„Okay, dann bis später. Ciao.“ Sascha verschwand auf der schmalen Stiege und Carolina machte sich wieder an die Arbeit.
Als es das nächste Mal klingelte, wurde sie sauer. Sie klatschte den Pinsel auf die Dose und riss sich die Atemmaske vom Gesicht. Kein Wunder, wenn sie nicht fertig würde.
Dann stapfte sie die Treppe hinunter und öffnete die Haustür.
Sichtlich gut gelaunt, strahlte ihre Freundin sie an. „Hi!“
Ohne auf Carolinas verdreckte Kleidung zu achten, umarmte Lena sie überschwänglich.
„Du störst.“
„Ich weiß, ich weiß. Aber ich musste einfach noch bei dir vorbeikommen, ehe ich mich in das Gewühl aufgeregter Weiber stürze.“ Schwungvoll schob sie Carolina zur Seite und eilte an ihr vorbei ins Haus. „Bei dir stinkt es ja erbärmlich!“
„Jetzt, wo du es sagst.“ Carolina warf die Haustür ins Schloss und folgte ihrer Freundin in die Küche.
„Wie hältst du das bloß aus? Das ist bestimmt nicht gut für die Gesundheit.“ Lena verzog das Gesicht und hängte ihre weiße Blousonjacke über einen Küchenstuhl.
„Mag sein“, erwiderte Carolina, „lässt sich aber nicht ändern. Bei der Arbeit trage ich eine Atemmaske, wenn dich das beruhigt.“ Sie lehnte sich in den Türrahmen und beobachtete, wie Lena alles vorbereitete, um Tee zu kochen.
„Daher also diese sexy Streifen in deinem Gesicht. Ich dachte schon, du hättest die Knitterfalten vom Schlafen.“ Ohne sich von ihrem Tun ablenken zu lassen, nahm Lena zwei der mit Rosen gemusterten Teetassen und die dazugehörige Zuckerdose aus dem alten Vitrinenschrank.
„Vom Schlafen!“ Carolina schnaubte verächtlich und stieß sich vom Türrahmen ab. „Ich rutsche seit fünf Stunden auf den Knien durch mein zukünftiges Schlafzimmer. Und wenn du mich nicht unterbrochen hättest, hätte ich bereits ein weiteres Stück geschafft.“
„Jetzt machst du Pause. Ich brauche für ein paar Minuten einen nüchtern und analytisch denkenden Menschen um mich, damit ich mich gleich ausgiebig mit Stoffen, Pailletten und Make-up beschäftigen kann.“
„Das ist für dich doch der Himmel auf Erden.“ Carolina musterte das extravagante Outfit ihrer Freundin. Ihre roten Locken hatte sie mit einem silbernen Haarband hochgebunden, das lang über dem tiefen Rückenausschnitt einer gelb-transparenten Bluse hing. Zu cremefarbenen Seidenshorts trug sie gelbe High Heels, die vorne dermaßen spitz zuliefen, dass sich Carolina, allein bei der Vorstellung, diese Dinger tragen zu müssen, die Fußnägel kräuselten.
„Stimmt. Ich liebe es, Verkleiden zu spielen, aber ich werde es noch mehr genießen, wenn ich vorher mit dir einen Tee trinke und ein bisschen zur Ruhe komme.“ Einen strengen Blick auf Carolinas verschmierte Arbeitsklamotten gerichtet, stemmte Lena herausfordernd die Hände in die Hüften.
„Ich geh ja schon.“ Frustriert marschierte Carolina ins Badezimmer und wusch sich die Hände. Eigentlich müsste sie nach so vielen Jahren an Lenas Überfälle gewöhnt sein, aber dem Temperament ihrer Freundin war sie einfach nicht gewachsen.
„Warum trinken wir bei diesem Wetter eigentlich Tee?“, fragte Carolina, als sie zurück in die Küche kam.
„Ich brauche etwas gegen meine flatternden Nerven, da ist ein Tee genau das Richtige. Warum schläfst du heute Nacht eigentlich nicht bei mir?“ Lena stellte die bauchige Teekanne auf den Tisch. „Dann könnten wir morgen früh noch zusammen frühstücken.“
„Weil ich deine Definitionen von ‚Nacht’ und ‚früh’ zu gut kenne und ich morgen wirklich früh anfangen muss, damit der Lack zumindest halbwegs durchgetrocknet ist, ehe die Kinder wieder da sind. Zum Glück soll sich das Wetter halten.“ Carolina setzte sich an den kleinen Küchentisch. Es erfüllte sie jedes Mal mit Freude, das hübsche Porzellan anzusehen. Als sie nach dem Abitur von zu Hause weggegangen war, besaß sie nicht viel mehr als zwei Koffer mit Klamotten. Umso mehr freute sie sich über die Erinnerungsstücke, die sie vor zwei Jahren von ihrer Großtante geerbt hatte.
„Ich verstehe nicht, weshalb du dir dieses alte Haus auch noch antun musstest“, predigte Lena zum wiederholten Male. Als wäre sie hier zu Hause, schenkte Lena ihnen beiden Tee ein und gab jeweils einen Löffel Zucker hinzu.
„Als hättest du mit den Kindern und deinem Job nicht schon genug Arbeit“, moserte Lena. „Du hattest so eine schöne Wohnung. Manchmal glaube ich, du fühlst dich nur wohl, wenn du im Dreck wühlen kannst.“
„Mhm.“ Zu diesem Thema lohnte sich wirklich kein weiteres Wort, denn für Öl, Staub und Sand hatte Lena nur etwas übrig, wenn sie damit Kleidungsstücke patinieren konnte. Deshalb machte es sich Carolina auf ihrem Stuhl bequem, schloss die Augen und vergnügte sich mit einer farbenfrohen Vorstellung davon, wie ihre Freundin unter Jons ausgemustertem VW-Bus liegend, dessen Ölpumpe reparierte.
Leider unterbrach Lena diesen wunderbaren Moment der Entspannung. „Früh aufstehen muss ich morgen auf jeden Fall. Mittags geht mein Flieger nach Nantes. Wenn du bei mir schlafen würdest, könnten wir noch einmal ausgiebig quatschen. Hast du inzwischen wenigstens einen Internetanschluss legen lassen?“
„Hast du inzwischen wenigstens einen Internetanschluss legen lassen?“, äffte Carolina sie nach. Widerstrebend öffnete sie die Augen. „Heiße ich Krösus? In den letzten Monaten waren die Abschläge für Louisas Zahnspange fällig, dazu die Renovierungskosten. Ich kann von Glück sagen, wenn ich Ende nächsten Monats keine roten Zahlen mehr sehe.“
„Ich sage doch, du hättest in der Wohnung bleiben sollen.“ Lena schmollte. „Da war alles bestens in Schuss und wir konnten uns mailen, wenn ich unterwegs war.“
„Jetzt bin ich wohl auch noch Schuld, dass du in der Bretagne drehst, was? Wie lange bleibst du weg?“
„Acht Wochen. Ganz allein.“ Die Lippen immer noch zu einem gekonnten Schmollmund verzogen, hockte Lena zusammengesunken auf ihrem Stuhl. Obwohl sie ständig darüber jammerte, wie anstrengend ihr Job sei, und dass sie vor Stress manchmal kaum Schlaf bekam, wusste Carolina, wie sehr sie es liebte, auf genau dieser Adrenalinwelle zu schwimmen. „Jetzt tu mal nicht so, als würdest du nach Sibirien verschleppt. Zum einen kennst du etliche Leute bei diesem Dreh und außerdem wirst du dich sicher schnell mit irgendeinem wahnsinnig gutaussehenden Typen trösten.“
„Ja, aber davon muss ich dir dann ganz schnell erzählen und mit dem Handy ist das sauteuer.“ Lena richtete sich wieder auf und grinste sie, über ihre Teetasse hinweg, verschmitzt an.
„Ich werde Maike fragen, ob ich hin und wieder bei ihr ins Netz gehen kann. Dann kannst du deine Handykosten in Grenzen halten. Hast du für den Dreh schon alles vorbereitet?“
„Dir ist gar nicht aufgefallen, dass wir uns in den letzten zwei Wochen so gut wie gar nicht gesehen haben, oder? Nein, natürlich nicht“, schnaubte Lena. „Warum frage ich überhaupt? Ich prophezeie dir, dass du spätestens, wenn deine Kinder aus dem Haus sind, zur Einsiedlerin wirst. Und wenn ich dann nicht mehr sein sollte, wirst du eine von diesen bemitleidenswerten Toten, die erst nach Monaten gefunden werden.“
„Wenn ich tot bin, wird mich das nicht sonderlich stören.“ Manchmal war sie es wirklich leid, sich immer wieder vor Lena rechtfertigen zu müssen. Es konnte schließlich nicht jeder die Lebenseinstellung eines Schmetterlings haben, der ständig gut gelaunt und unbeschwert durch die Luft flatterte. Carolina kippte ihren Stuhl zurück und legte demonstrativ die Füße auf den Tisch.
„Schon gut, schon gut! Ich werde nicht weiter auf deiner Eigenbrötelei herumreiten, aber nimm bitte diese ollen Schuhe vom Tisch!“
Langsam hob Carolina ihre Füße wieder hinunter und ließ den Stuhl nach vorne kippen. „Demnach bist du also gut vorbereitet?“
„Die letzten beiden Wochen waren Dauerstress. Allein mit Lucie Lennart habe ich stundenlang telefoniert und Bilderberge von Kleidern per Mail hin und her geschickt. Diese Frau kostet mich echt Nerven.“ Lena rollte mit den Augen. „Zu allem Überfluss macht Erich Seipoldt die Regie. Erich, der immer so tolle Ideen hat, wenn eigentlich schon alles vorbereitet ist. Dieses Mal wollte er für die Lennart ein elegantes Kleid für die Szene einer Cocktailparty, das sich farblich gut von denen der anderen Schauspielerinnen abhebt. Da diese, wie stundenlang besprochen, in Creme-, Grau- und Blautönen eingekleidet werden, sollte das Kleid von der Lennart smaragdgrün sein. Nach zig Telefonaten und Vorschlägen hatten die Lennart und ich uns endlich auf ein elegantes bodenlanges Kleid geeinigt, als Eddie die grandiose Idee kam, die Party in ein Restaurant am Strand zu verlegen. Das heißt, die Suche ging von vorne los, weil das geplante Tête-à-tête nicht im Garten eines Landsitzes, sondern am Strand stattfindet, und die Lennart schlecht mit einem bodenlangen Kleid und High Heels über den Sand stolzieren kann. Zu allem Überfluss wird gleich in der ersten Woche die Szene gedreht, in der sie sich für diese Party zurechtmacht. Das heißt, dass ich die letzten Tage und Nächte damit zugebracht habe, ein neues Outfit zu suchen. Und zu finden!“ Lena erhob ihre Teetasse und prostete Carolina zu.
„Demnach genauso ein großes Durcheinander wie immer.“
„Herrlich, oder?“
„Grausam.“ Carolina nippte an ihrem Tee. Allein die Vorstellung, immer so eng mit Menschen zusammenarbeiten zu müssen und die Wünsche exaltierter Diven, männlicher wie weiblicher, unter einen Hut zu bringen, erfüllte sie mit eisigem Grauen.
„Musst du nicht langsam los?“, fragte sie, nach einem kurzen Blick auf die Uhr.
„Oh, Mist, schon kurz vor sieben!“ So heftig, dass es schepperte, stellte Lena die feine Tasse auf die Untertasse zurück und sprang auf. „Wir sehen uns in der Pause.“ Und genauso stürmisch, wie sie das Haus betreten hatte, verließ sie es wieder.
Carolina trank ihren Tee in Ruhe aus und genoss die Stille. Dass zwei so unterschiedliche Frauen miteinander befreundet waren, musste eine verrückte Laune der Natur sein. Mittlerweile gingen sie fast dreißig Jahre lang durch dick und dünn. Als Kinder hatten sie am liebsten stundenlang auf dem großen Hof gespielt, auf dem Lena zuhause gewesen war. Für Carolina hatte es nichts Schöneres gegeben, als Lenas Eltern bei der Stallarbeit zu helfen. Die kleinen Kälbchen zu füttern oder Heu für die Kühe heranzukarren. Als Teenies tummelten sie sich auf Lüttjens Reiterhof. Lena hatte eine Reitbeteiligung und so wurden die Reitstunden, wie auch die Pferdepflege, schwesterlich geteilt.
Aber als sie sechzehn waren, wäre ihre Freundschaft beinahe zerbrochen. Carolina stand auf und spülte das Geschirr, in Gedanken immer noch in der Vergangenheit. Sie schmunzelte. Johannes, Lenas Bruder, war ihre erste große Liebe gewesen, und neben der Zeit, die sie mit heißen Küssen verbrachten, schraubten sie mit ähnlicher Leidenschaft an seinem alten Moped herum. Lena fühlte sich ausgeschlossen, zu Recht.
Carolina stellte das Service vorsichtig zurück in den Vitrinenschrank. Damals wurde ihnen erstmals bewusst, wie unterschiedlich sie sich entwickelt hatten. Während sie selbst zunehmend mehr von Motoren verstand, mit Begeisterung den Traktor übers Feld fuhr und kleine Reparaturen an den Maschinen auf dem Hof vornahm, interessierte sich Lena für Mode. Sie begann zuerst, ausgefallene Klamotten zu tragen, dann, sie zu entwerfen und später auch zu nähen.
Sie waren beide gerne handwerklich tätig, aber ihre Vorstellungen von Vergnügen lagen, damals wie auch heute, weit auseinander. Während sie selbst nicht nur beruflich, sondern auch in ihrer Freizeit gerne werkelte oder sich in der Natur bewegte, war Lena inzwischen eine richtige Stadtpflanze geworden, obwohl sie nur in einer Kleinstadt lebte. Sie besuchte Ausstellungen aller Kunstrichtungen, ging mit Vorliebe in moderne Theaterinszenierungen oder lag einfach nur faul auf dem Sofa und sah sich schnulzige Liebesfilme an.
Carolina hängte das Spültuch über den Wasserhahn. Sie streckte sich und stöhnte auf. Ihre schmerzenden Muskeln schrien nach einem heißen Bad. Aber sie würden sich mit einer kurzen Dusche begnügen müssen, denn trotz aller Unterschiede war es ihr tausendmal wichtiger, ihrer Freundin beim Bauchtanz zu applaudieren, als entspannt in der Badewanne zu liegen.

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