Leseprobe – Wind von Westen

Wind von Westen – Eine rheinische Familiengeschichte

Jan und Griet
Zo Köln em ahle Kümpcheshoff,
Wonnt ens ’ne Boersmann,
Dä hatt’ en Mäd, de nannt sich Griet,
Ne Knäch, dä nannt sich Jan.
Dat Griet, dat wohr en fresche Mäd,
Grad wie vun Milch un Blood;
Dä Jan, dat wohr ’ne starke Poosch,
Dem Griet vun Hätze good.

Ens säht hä: „Sag“, esu säht hä:
„Sag, Griet, ben ich der räch?
Nemm mich zum Mann, do bes en Mäd,
Un ich, ich ben ’ne Knäch.“

Doh säht it: „Jan, do bes ’ne Knäch,
Un ich en schöne Mäd.
Ich well ’nen däft’gen Halfen hann,
Met Oehs un Köh un Pähd.“

Un als dä Jan dä Kall gehoot,
Do trohk hä en dä Kreeg;
Schlog immer düchtig en dä Feind,
Holf wenne mänche Seeg.

We widder hä noh Kölle kohm,
Soß hä op staatzem Pääd;
Dä Jan, dä wohr no Feldmarschall,
Dä große Jan vun Wäth.

Und wie hä an de Pooz no kohm,
Soß en der Pooz dat Griet;
It soß vör einem Appelkrom,
Wo it Kuschteien briet.

Un als dä Jan dat Griet dhät sinn,
Leht stell si Pääd hä stonn,
Un größten it, un säht zo im:
„Griet wer et hätt’ gedonn!“

Un als dat Griet dä Jan dhät sinn,
Su blänkig usgerooß,
Do größt it in, un säht zo im:
„Jan, wer et hätt’ gewoß!“

Ehr Mädcher all, o merkt üch dat,
Un sitt mer nit zo friet;
Gar mäncher hätt et leid gedonn,
Dat leht vum Jan un Griet
(Volkliederarchiv.de)

Der Halfe ist tot
April 1793

Der Wind stand auf Nordwesten. Balthasar hob den Kopf, betrachtete missmutig die geschlossene Wolkendecke und den stetig fallenden Regen. So wie es aussah, würde er auch den Rest des Tages in der dunklen Scheune verbringen müssen und Zaunpfähle sägen. In der Luft lag der würzige Duft regennasser Erde. Er atmete tief ein und sog ihn in sich auf, kostete diesen winzigen Moment der Freiheit in vollen Zügen aus.
„Willst du da draußen Wurzeln schlagen?“ Bernhards helle Stimme verhallte wie immer ohne rechte Drohung.
„Oder ist sich unser Pastor zu fein für ein bisschen Regen?“, spottete Caspar,was bei den Männern promptes Gelächter auslöste. Balthasar grinste. Das Verhalten seiner Brüder war so vorhersehbar wie die Schlägerei mit den Wesselingern am Kirmessonntag. Nach außen gaben sie sich laut und rau, zeigten Ecken und Kanten, ließen sich aber butterweich um die kleinen Finger der Weiber wickeln.
Er wechselte die zu schleifende Axt in die andere Hand und lehnte sich abwartend gegen den Torrahmen der großen Scheune. Noch konnte er nicht gehen. Noch fehlte der krönende Abschluss.
Er musste nicht lange warten. Nur wenige Augenblicke später zischte ein stattliches Holzscheit wenige Fingerbreit an seinem Ohr vorbei und platschte in eine der unzähligen Pfützen.
„Mach voran! Ich will mit den Balken bis Mittag fertig werden!“
Schade, offensichtlich war der Geduldsfaden seines ältesten Bruders heute besonders kurz. Gemächlich stieß Balthasar sich vom Torrahmen ab und schlenderte los, sicher, Max damit soweit zu provozieren, weitere Holzscheite folgen zu lassen und somit dem Tag ein wenig Würze zu geben.
Einige Geschosse später, als er gerade die Tür zur Werkstatt öffnen wollte, trat ein ärmlich gekleideter Mann aus dem Wohnhaus. Sein fadenscheiniger Mantel hing wie ein nasser Sack an ihm herab und auch die Wollstrümpfe hatten schon bessere Zeiten gesehen. Er schaute zum Himmel und verharrte den Moment, den ein Stoßgebet dauerte, bevor er seinen durchweichten Hut ein wenig tiefer ins Gesicht zog. Dann nickte er Balthasar zu und stapfte, ungeachtet der Pfützen, mit ausholenden Schritten davon.
Balthasar ließ Werkstatt Werkstatt sein und eilte ins Haus.
Zwei der Mägde standen am Herdfeuer und bereiteten das Mittagessen, die dritte kam gerade mit zwei Bechern aus der Stube. Sein Gefühl hatte ihn also nicht getrogen: Der Mann hatte wichtige Nachrichten gebracht.
„Wer war das?“ Wegen seiner nassen Stiefel blieb er auf der Schwelle stehen und schaute zu seiner Schwägerin hinüber, die am anderen Ende des Herdraums saß und ihre jüngste Tochter stillte.
„Rein oder raus! Die feuchte Luft ist nicht gut fürs Kind!“
Balthasar trat einen Schritt zurück und schloss die Tür hinter sich.
„Wer war das?“, wiederholte er geduldig seine Frage.
Anne zog ihr wollenes Schultertuch bis über den Kopf des Säuglings. „Der Leichenbitter vom Frings.“
„Der alte Frings ist tot?“
„Nein, der Göddert, Gott sei seiner Seele gnädig.“ Sie bekreuzigte sich.
„Der Göddert?“ Balthasar schlug ebenfalls ein Kreuzzeichen für den Verstorbenen und bemühte sich gleichzeitig, die aufflammende Aufregung zu unterdrücken.
„Die arme Agnes.“
Da Anne es bei diesem Kommentar bewenden ließ, zerrte er die Stiefel von den Füßen, schlüpfte in ein Paar trockene Holzschuhe und ging an ihr vorbei in die Stube. Wie erwartet, saß der Vater auf der gepolsterten Bank und zog gemächlich an seiner Pfeife.
„Was ist passiert?“ Balthasar schob sich einen Stuhl zurecht und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.
„Ein Kaltblut hat ihn erwischt. Gestern beim Ausschirren.“
Der hämmernde Herzschlag in Balthasars Ohren dröhnte inzwischen so laut, als stecke er mit dem Kopf in einer läutenden Kirchenglocke. So lange hatte er auf diesen Moment gewartet und nun konnte er keinen klaren Gedanken fassen.
„Bin gespannt, wer den Hof übernehmen wird“, fuhr Friedrich Broicher nach einer Weile fort.
„Ich.“ Am liebsten hätte er sich auf die Zunge gebissen, aber dafür war es zu spät. Stattdessen reckte er das Kinn und wartete auf die Reaktion seines Vaters.
„Du hast Interesse am Fringsschen Hof?“ Der Alte musterte ihn kritisch.
„Seit sieben Jahren Krausens-Gödderts Hof“, knurrte Balthasar, verärgert darüber, dass der Vater die Übernahme immer noch nicht wahrhaben wollte.
„Eben nicht Krausens Hof!“ So energisch seine arthritischen Finger es zuließen, stellte der Vater die Pfeife auf den Tisch. „Der Göddert hat doch all die Jahre nur befolgt, was der alte Frings ihm auftrug.“
Balthasars Schweigen trennte sie, wie das dunkle Tuch den Beichtstuhl von den Gläubigen.
Schließlich war es wieder der Vater, der sprach. „Warte auf einen anderen Hof. Du bist noch jung, hast noch Zeit genug, um eine besseren Hof zu übernehmen. Einen, den du eines Tages voller Stolz deinem eigenen Sohn hinterlassen kannst. Diesen hier wird Gödderts Sohn bekommen.“
Darauf gab es nichts zu entgegnen. Der alte Frings hatte seine älteste Tochter Agnes vor sieben Jahren mit Krausens-Göddert verheiratet, weil er aus den Schulden nicht mehr raus kam. Das Cassius-Stift in Bonn hatte den Pachtvertrag auf die beiden überschrieben und Göddert musste für die Abzahlung von Jacob Frings Schulden bürgen. Zudem hatten in den letzten Jahren alle Bauern mit Hagelschlag und Mäusefraß zu kämpfen, dazu die alliierten Truppen, die durch die Dörfer zogen, sich einquartierten und Stroh- und Haferlieferungen forderten und zu allem Überfluss ließ der alte Frings keine Neuerungen zu. Noch hatte der Göddert nichts von Frings‘ Schulden abgetragen. Im Gegenteil, es waren neue hinzugekommen.
Alles gute Gründe, die gegen eine Übernahme des Niederwesselinger Halfenhofs sprachen. Aber die kannte Balthasar selbst am besten; er hatte sie sich schließlich jedes Mal vorgebetet, wenn er sich in seinen Träumen wieder einmal neben Agnes stehen sah.
„Nur ein gesundes Kind in sieben Jahren Ehe.“
Balthasar presste die Zähne aufeinander, dass es knirschte. Sollte der Vater reden, seinem Mund würde kein weiteres falsches Wort entwischen.
„Und überhaupt, die ganze Lage des Hofs ist verteufelt verzwickt.“ Wachsam, ob seine Schwiegertochter die letzten Worte gehört hatte, wandte sein Vater den Blick zur Tür. Als von dort nur geschäftiges Treiben zu vernehmen war, fuhr er fort: „Wer weiß, was der Pfälzer in Zukunft wieder aushecken wird?“
Nun, niemand wusste, was sich die hohen Herren als Nächstes ausdachten, und die Lage von Niederwesseling war wirklich äußerst vertrackt. Einer kleinen Insel gleich, lag es räumlich im Erzbistum Köln, gehörte jedoch zum Hoheitsgebiet des Herzogtums Jülich-Berg, ein Batzen des großen Kuchens, der dem Pfälzer Kurfürsten Karl Theodor gehörte.
„Außerdem ist der Hof völlig heruntergekommen.“ Mit einer flüchtigen Geste fuhr die Hand des Vaters durch die Luft. Balthasars Augen folgten dieser Bewegung, betrachteten die vornehm ausgestattete Stube, auf die sein Vater zu Recht stolz war. Der Rahmen des Nussbaumschranks an der Kopfseite des Raumes war mit aufwendig geschnitzten Weinblättern verziert, die Standuhr in der Ecke hatte ein Uhrmacher aus dem Bergischen gefertigt. Selbst die Verkleidung des Alkovens, in dem Max und seine Frau Anne schliefen, war in einem zarten Grün gestrichen und mit einer bunten Blumenranke verziert. Zudem verbreitete im Winter, neben der obligatorischen Takenplatte, ein gusseiserner Säulenofen zusätzliche Wärme und passend zur gepolsterten Bank standen drei lederbezogene Lehnstühle am blank polierten Eichentisch.
Die Stube des Antoniterhofs zeugte vom Wohlstand ihres Besitzers, wogegen die Stube des Kirchhofs höchstens mit der eines mittleren Bauern zu vergleichen war. Aber das war ihm egal. Er brauchte keinen Reichtum. Noch nicht. Was sollte das Leben für einen Sinn haben, wenn er sich mit vierundzwanzig Jahren ins gemachte Nest setzte? Er wollte etwas aufbauen. Eigene Ideen umsetzen und miterleben, wie sie fruchteten. Dafür hätte er in Niederwesseling immerhin 120 Morgen Land zur Verfügung. Und auch wenn es größere Halfen, reichere Dörfer gab, blieb der Kirchhof Herrenhof, mit all den entsprechenden Privilegien. In den Genuss der Steuervorteile käme er demnach ohne eigenes Hinzutun, aber das Amt des Schöffen oder Ortsvorstehers würde er sich verdienen müssen. So wie Max, der in Godorf hoch angesehen war und bereits seit Jahren als Schöffe Recht sprach. Auch wenn viele Männer seine aufbrausende Art fürchteten und schnell klein beigaben, wenn es eigentlich nur galt, den längeren Atem zu haben; Max war nicht käuflich, hörte Jedermann zu und wägte in aller Ruhe ab, bevor er eine Entscheidung traf. Und auf diese Eigenschaften würde er jetzt setzen, denn trotz aller Einwände des Vaters war es wichtiger, Max auf seine Seite zu ziehen.
Endlich hörte er die Haustür ins Schloss fallen. Der zweite Akt konnte beginnen.
„Max! Deine Stiefel!“
„Sei still, Frau!“
Die Absätze seines ältesten Bruders knallten rhythmisch auf den Fliesenboden des Herdraums und kurz darauf stand er in der Stube.
„Wer meinst du, dass du bist? Der feine Herr hält einen netten Plausch, während die Knechte die Arbeit verrichten?“ Max packte ihn am Kragen und zog ihn vom Stuhl.
Da er wusste, dass es Max weiter erzürnen würde, ließ er sich die Behandlung klaglos gefallen.
Inzwischen hatte das Gesicht seines Bruders eine dunkelrote Farbe angenommen. „Häng nicht rum wie ein nasser Sack! Wehr dich! Oder haben sie im Kloster eine feine Nonne aus dir gemacht?“
Aber Max’ Wut verrauchte ebenso schnell, wie sie sich entzündete. Ein langer Moment, in dem sie sich in die Augen schauten, dann ließ ihn der ältere Bruder wieder los. „Was hast du hier zu suchen? Du solltest nur die Axt beischleifen.“
„Krausens-Göddert ist tot und ich will neuer Kirchhalfe werden.“
Max erbleichte. Ohne etwas zu sagen, vor allem, ohne sich zu bekreuzigen, riss er Balthasar am Arm und zog ihn aus der Stube. Vorbei an den erschrockenen Mägden zerrte Max ihn aus dem Haus und stieß ihn in die Werkstatt, die direkt daneben lag.
Ebenso laut wie die Haustür, schlug er die Tür zur Werkstatt hinter ihnen zu. Eins musste Balthasar seinem Bruder lassen, er hatte wahrlich einen Sinn fürs Dramatische.
„Bist du jetzt völlig verrückt geworden? Was willst du mit dem alten Hof?“
Als Balthasar ihm nicht antwortete, zischte Max durch die Zähne, wischte sich die nassen Haare aus dem Gesicht und begann in dem kleinen Raum auf und ab zu gehen. „Kein vernünftiger Mensch heiratet aus Liebe!“
Die Litanei, die diesem Satz folgen würde, kannte Balthasar bereits auswendig. Max hatte sie ihm in den letzten Jahren oft genug vorgebetet, nachdem er ihn in einem der seltenen Momente erwischt hatte, in denen er seine Gefühle für Agnes nicht verbergen konnte.
„Die Liebe ist keine Grundlage für eine gute Ehe. Liebe vergeht, aber den Hof, den du übernommen hast, hast du den Rest deines Lebens am Hacken.“ Max blieb kurz stehen, musterte ihn aus seinen blauen Augen und setzte seine Wanderung fort.
„Es gab schon viele, die meinten, die Äpfel im Garten des Nachbarn wären süßer als die eigenen. Glaub mir, die meisten von ihnen merkten schnell, dass es keinen Unterschied gibt. Im Gegenteil, manches scheint süß und schmeckt gallebitter.“
Das war einer von Max’ Lieblingssprüchen. Balthasar verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich gegen die Kante des Arbeitstisches und schaute aus dem Fenster.
„Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir spreche.“ Ganz in der Autorität des Hofherrn hatte sich Max vor ihm aufgebaut, musste aber trotzdem nach oben schauen, um ihm in die Augen zu sehen. „Schlag dir endlich dieses Weib aus dem Kopf, bevor ich es tue.“
Eine seiner leeren Drohungen. Auch wenn Max gut austeilen konnte, hielt er sich bei ihm stets zurück. Außerdem lebte sein Bruder das genaue Gegenteil von dem, was er Balthasar ständig predigte. Als Max seine Anne vor zehn Jahren heiratete, war er auch er erst vierundzwanzig gewesen und hatte sich genauso wenig darum geschert, dass Anne nicht die Halfentochter mit der größten Mitgift war. Und der raue Umgangston zwischen Anne und ihm täuschte ebenfalls niemanden darüber hinweg, dass die beiden mehr als nur das Wohl des Antoniterhofs miteinander verband. Natürlich sprach Balthasar das nicht aus. Je weniger er seinen Bruder reizte, desto eher könnte er vernünftig mit ihm reden.
„Glaub mir, du wirst es bereuen.“ Noch einmal versuchte Max, ihn mit einem drohenden Blick zu beeindrucken, dann gab er auf und lehnte sich abwartend gegen den Türrahmen.
„Ich brauche Geld.“
„Oh ja! Eine ganze Menge.“
„Ein, zwei gute Ernten und es wäre viel geschafft.“
„Meinst du nicht, dass der Kraus das seit Jahren versucht hat?“
„Es wird einiges zu ändern sein.“
„Ach, und du meinst, der Frings lässt das mit sich machen? Göddert war fast vierzig und hat es in sieben Jahren nicht geschafft, den Alten aus dem Geschäft zu halten – und du meinst, dass dir Grünschnabel das besser gelingt?“ Max musterte ihn schweigend, dann schüttelte er den Kopf. „Ja, du würdest es schaffen.“
„Aber dazu muss ich erst einmal wissen, was St. Cassius für einen Vertrag aufsetzt und den Vater überzeugen, dass der Hof für mich die richtige Wahl ist. Wirst du mich unterstützen?“
„Was bleibt mir übrig. Hier kehrt ja doch nicht eher Ruhe ein, bevor du nicht deinen Willen hast.“
Max reichte ihm die Hand und Balthasar schlug erleichtert ein. Die erste Schlacht war gewonnen.

Hochzeit auf dem Kirchhof
Juli 1793

Ihre schlimmsten Träume hatten sich erfüllt. Eine kurze Zeremonie in Immendorf, nur die Väter als Zeugen und schon war sie wieder verheiratet. Kein Fest wie vor sieben Jahren, auch keinen Hochzeitszug durchs Dorf. Im Ehevertrag hatten sie festgelegt, dass der Vater stattdessen 40 Reichstaler zahlen würde. Mit Witwen wurde kein großer Aufwand betrieben.
Eine Witwe. Kaum hatte sie sich an ihren Titel gewöhnt, legten sie ihr einen neuen Mann ins Bett.
Agnes spürte, wie die Angst in ihr hochstieg. Das Warten war am schlimmsten. Ihr Blick wanderte durch den dämmrigen Herdraum, hinüber zu ihrer Schwester, die am blank gescheuerten Esstisch stand und einen Kirschkuchen in gleichmäßige Stücke schnitt. Auf dem Herd köchelte das Kaffeewasser vor sich hin.
Alles war vorbereitet, die Gäste konnten kommen.
Wenn er doch auch nur ein Gast wäre. Unruhig lief sie zwischen Stubentür und Mägdekammer hin und her, blieb stehen, lauschte und setzte ihren Gang fort. Auch wenn sich die Familien seit Ewigkeiten kannten, Balthasar war ihr fremd. Fremder als seine Brüder. Er war schon immer ein Einzelgänger gewesen. Auf Festen sprach er kaum ein Wort, sang nicht, tanzte nicht, aber beobachtete alles und jeden mit seinen sturmgrauen Augen. Von den Frauen wurde er nur „Der schwarze Mann“ genannt. Zu Recht.
Was würde er von ihr erwarten? Würde er mehr in ihr sehen als das Pfand für den Hof?
Unsinn. Dies war nur eine arrangierte Ehe unter Halfen, wie sie seit Jahrhunderten üblich war. Hof zu Hof, Land zu Land, Geld zu Geld.
Agnes blieb stehen und betrachtete ihre Schwester. Lisbeth war ein schüchternes, tiefgläubiges Mädchen, das jedem wohl gesonnen war. Gerade erst sechzehn, buk sie leidenschaftlich gern und gut, war geschickt mit Nadel und Faden und schien sogar die langen Winterabende am Spinnrad zu genießen.
Etwas, das Agnes niemals verstehen würde.
„Reich mir mal die große Platte, damit der Kuchen in die Stube kommt“, bat Lisbeth jetzt, ohne von ihrer Arbeit aufzuschauen.
Agnes nahm den großen Zinnteller vom Regal und stellte ihn neben den Kuchen auf den Tisch. Wer sollte das bloß alles essen? Auf dem Stubentisch reihten sich bereits Platten mit Kuchen, Schüsseln mit Kompott und Sahne aneinander, dabei erwarteten sie nur Balthasar und seine Brüder.
Schon der Gedanke an seinen Namen brachte ihre Gefühle wieder in Wallung. Sie ballte die Hände zu Fäusten und bemühte sich um Ruhe, als ihr Blick auf die leeren Krüge fiel, die auf der kleinen Bank neben der Hoftür standen. Prompt verwandelte sich die Unruhe in Zorn. „Warum hast du noch kein Bier geholt?“, schimpfte sie Griet, die in der Waschkammer stand und das schmutzige Geschirr spülte.
„Ich dachte, das wird zu schnell warm.“ Die Magd wandte sich um und schaute durch die offene Tür zu ihr herüber.
„Überlass das Denken mir und füll die Krüge!“
Griet senkte den Kopf, trocknete ihre Hände an der Schürze und machte sich auf den Weg.
Eigentlich hätte Agnes sich jetzt besser fühlen müssen, aber Lisbeth zog bereits die Stirn in Falten. Demnach würde nun auch noch eine Moralpredigt folgen, das Letzte, was sie jetzt bräuchte. Eines Tages würde aus ihrer Schwester sicher eine gute Nonne werden. Hoch aufgerichtet, die blonden Haare zu einem strengen Zopf geflochten, strahlte Lisbeth jetzt schon eine Würde aus, mit der sie es mühelos schaffte, andere zu beschämen. Obwohl zehn Jahre älter, kam Agnes sich mit ihrem überschießenden Temperament manchmal wie die Jüngere vor.
„Warum musstest du sie so anfauchen?“, fragte Lisbeth, nachdem sie Agnes ausgiebig gemustert hatte.
„Weil mir danach war!“ Angriff war seit jeher ihre beste Verteidigung, dachte Agnes. „Vielleicht könntest selbst du dafür ein wenig Verständnis haben!“
„Ich wünschte, ich könnte es dir leichter machen.“
Lisbeth schaute bekümmert zur Seite und erweckte in Agnes unweigerlich den Drang, sich zu entschuldigen. „Schon gut. Wirklich. Manchmal vergesse ich, dass ihr ihn genauso ertragen müsst wie ich selbst.“
Lisbeth beugte sich wieder über den Tisch und stapelte Kuchenstücke auf den Teller. „Aber nicht so wie du.“ Ihre Stimme war jetzt kaum mehr als ein Flüstern und ihre Wangen färbten sich rot, wie die Äpfel im Herbst.
Was sollte sie dazu sagen? Verlegen schob Agnes eine gelöste Haarsträhne unter die Haube. Sie tauschte sicher keine Ehegeschichten mit einer sechzehnjährigen Jungfrau.
Bevor sie sich noch eine Antwort überlegen konnte, stürmte Tilla durch die Tür. „Sie sind gleich da! Und sie haben einen großen Wagen dabei! Sie haben das Band zerschnitten und sie haben die Burschen bezahlt, und wir haben alle süßes Brot bekommen!“
Erleichtert über die fröhliche Unterbrechung, wischte Agnes ihrer jüngsten Schwester die Blatzkrümel aus den Mundwinkeln. „Konntest du sehen, wer alles mitkommt?“
„Viele“, lautete die lapidare Antwort der Siebenjährigen, die bereits die Finger nach dem Kirschkuchen ausstreckte.
„Oh, nein!“ Mit einem kurzen Schlag verteidigte Lisbeth ihr Werk.
„Es ist doch genug da.“ Sehnsüchtig glitt Tillas Blick über die gut gefüllte Platte.
Nun, auch die Kleine würde sich gedulden müssen. „Richte deine Schürze und geh in die Stube. Dann sagst du dem Vater und dem Herrn Pfarrer, dass die Gäste da sind.“
Die Gäste waren da. Plötzlich war der Zorn verraucht. Der Zorn, der sie die letzten Wochen aufrecht gehalten hatte. Auch der Zorn auf den Bruder, dessen Verschwinden sämtliche Verhandlungen über den Hof in Schutt und Asche gelegt hatte. Paul, wegen dessen Hirngespinsten nur noch Balthasar Broicher als Bewerber übrig geblieben war. War es ein Wunder, dass sich niemand an eine Familie binden wollte, deren Sohn zu den Franzosen übergelaufen war?
Sie kannte ihre Pflicht. Eine erneute Heirat war die einzige Möglichkeit, den Pachtvertrag zu behalten, denn seit Gödderts Tod gab es keinen Mann in ihrer Familie, der den Hof weiterführen könnte. Ihr eigener Sohn lag noch in den Windeln und Paul? Selbst wenn er nicht davongelaufen wäre, mit seinen achtzehn Jahren wäre er viel zu jung gewesen, um den Hof zu übernehmen. Und der Vater? Mit seiner schlechten Wirtschaft hätte ihn das Cassius-Stift ebenso wenig als neuen Halfen akzeptiert wie Johann, den älteren ihrer Brüder.
Der sei nicht ganz richtig im Kopf, behaupteten die Leute, aber das war nicht wahr. Er mochte keine geschlossenen Räume, aber das hieß noch lange nicht, er sei verdötsch .
Johann war der Einzige, auf den sie sich immer verlassen konnte und er meinte, sie könnten von Glück sagen, das Balthasar trotz allem noch am Hof interessiert sei. Aber sie fühlte sich überhaupt nicht glücklich. Eher wie eine Aussätzige, von der sich die Dörfler seit Pauls Flucht lieber fernhielten. Käme jetzt noch der düstere Broicher auf den Hof – die unterbrochenen Gespräche und abgewandten Gesichter wären kaum noch zu ertragen. Ihr heimlicher Wunsch nach einem Mann, der ein bisschen Leichtigkeit in ihr Leben brachte, war geplatzt wie eine große Seifenblase.
Sie schüttelte den Kopf und richtete ihr Schultertuch. Ein törichter Wunsch, wo sie doch von klein auf gelernt hatte, dass Wünsche nur selten in Erfüllung gingen und dass sie am besten beraten war, sich das zu wünschen, was der Vater anordnete.
Als sie das Rumpeln von Wagenrädern hörte, strich sie noch einmal über ihren Rock, straffte die Schultern und ging zur Tür. Da standen sie, einer neben dem anderen. Wie eine Mauer hatten sie sich vor ihr aufgebaut. Sechs Männer, deren Körperhaltung deutlich machte, dass jeder, der es mit einem von ihnen aufnahm, unweigerlich die anderen im Nacken hätte.
Wie mochte es sein, in der Gewissheit aufzuwachsen, nur nach seinen Brüdern rufen zu müssen, wenn man in Schwierigkeiten war?
Zum Beispiel nach Max, dem Ältesten, mit seinem gedrungenen Körperbau, strotzend vor Kraft und Energie, oder nach Conrad, der lang und schlaksig vor ihr stand und dafür bekannt war, dass er gewisse Schlachten nur mit seinem verwegenen Lächeln schlug. Auch Bernhard, eigentlich von sanftem Wesen, sparte nicht an gut gezielten Schlägen, wenn es um die Unterstützung seiner Brüder ging.
Und Heinrich? Der stattliche Brauergeselle aus Köln? Trotz seines feinen, rostroten Rocks und den dicken Silberschnallen an seinen Schuhen wäre er sicher einer der Ersten, wenn es um eine zünftige Kirmesschlägerei ging.
Selbst Christian, der jetzt verlegen den Rand seines Dreispitzes zwischen den Fingern knetete, war mit seinen knapp zwanzig Jahren bereits ein kräftiger junger Mann, der seinem Familiennamen alle Ehre machte.
Ihr Blick ging zurück zum Anfang der Reihe, wo Balthasar regungslos neben seinen Brüdern stand. Mit seinem pechschwarzen Haar, den geraden schwarzen Brauen und dem düsteren Blick schien er der Wildeste von ihnen und war doch der Einzige, der noch niemals in eine Schlägerei verwickelt worden war. Ein seltsamer Mensch.
Max löste sich als Erster, kam auf sie zu und reichte ihr die Hand. »Willkommen in unserer Familie.“
„Willkommen in unserem Haus“, antwortete sie jedem von ihnen.
„Wohin sollen wir abladen?“, fragte Balthasar, nachdem das Ritual vollzogen war.
Agnes stutzte. Hatte er wirklich unsicher geklungen? „Ich gehe vor.“
Mit schweren Schritten stieg sie die Treppe hinauf und öffnete die Tür zur Schlafkammer, die sie die letzten sieben Jahre mit Göddert geteilt hatte. Würde der Raum Balthasars Ansprüchen genügen? Da der Vater darauf bestanden hatte, die Stube weiterhin als seine Schlafkammer zu behalten, hatte Göddert damals ihren alten Alkoven herausreißen und ein Bett aus feinem Nussbaum bauen lassen. Aber Gottfrieds Kinderbettchen, das daneben stand, war nur aus einfachem Tannenholz, ebenso wie der Stuhl, ihre Aussteuertruhe und der Tisch, auf dem die angeschlagene Waschschüssel stand. An der Wand hingen ein paar Kleiderhaken und vor Kopf ein schlichtes Holzkreuz, an dem ein Palmzweig der letzten Weihe steckte. Sicher nicht die übliche Schlafkammer eines Halfen, aber diese Rolle hatte ihr Vater ja bisher stets für sich selbst beansprucht. Auch Balthasar hatte nicht auf die repräsentative Stube bestanden, sondern dem Vater den Willen gelassen. Nichts würde sich ändern und doch so viel.
Als Balthasar hinter ihr auftauchte, stellte sie sich rasch neben Gottfrieds Bettchen. Auch wenn sie sich eine Närrin schalt, wo sie doch bereits mit ihm verheiratet war, sie brauchte Abstand. Sie würde ihm noch früh genug näher kommen müssen.
Auf der Türschwelle blieb er stehen, eine schwere Eichentruhe zwischen sich und Conrad. »Wo sollen wir die abstellen?«
Noch bevor sie antworten konnte, schleppten die beiden Männer sie quer durch den Raum und wuchteten sie unter das Fenster. Sie wirkte brandneu und reichte fast bis zum Rahmen.
„Ist es dir hier recht?“, fragte Balthasar.
„Sicher.“ Was sollte sie auch sonst sagen? „Hast du noch mehr mitgebracht?“
Ohne sich weiter umzuschauen, hatte er den Raum bereits wieder verlassen. „Nicht für die Schlafkammer.“
Conrad schenkte ihr zwar noch ein versöhnliches Lächeln, aber das machte es ihr auch nicht leichter. Froh, die Tür erst mal wieder hinter sich schließen zu können, folgte sie den Männern nach unten.
Ungeduldig linste Tilla zu Lisbeth hinüber, aber die hatte noch immer die Augen geschlossen und bewegte unablässig die Lippen. Tilla verstand einfach nicht, wieso ihre Schwester jeden Abend so lange beten musste, sie tat doch nie etwas Unrechtes.
Tilla verlagerte ihr Gewicht und hoffte, dass Lisbeth langsam zum Ende kam, der raue Holzboden drückte bereits schmerzhaft gegen ihre Knie. Außerdem wollte sie endlich mit ihr über Balthasar sprechen. Nur mit Mühe unterdrückte sie ein Seufzen und zuckte gleich darauf erschrocken zusammen, als ihre Schwester das Kreuzzeichen schlug.
Hastig schloss Tilla die Augen und bekreuzigte sich ebenfalls. Bis heute schien Lisbeth nicht aufgefallen zu sein, dass Tilla immer just im gleichen Moment ihr Nachtgebet beendete wie sie. Das musste daran liegen, dass Lisbeth in einer anderen Welt war, wenn sie betete. Jedenfalls hatte Tilla einmal gehört, wie Agnes das zu Göddert gesagt hatte.
Auch wenn sie gerne gewusst hätte, wie diese andere Welt aussah, wollte sie lieber nicht mit Lisbeth tauschen, denn dann müsste sie ja Nonne werden. Dann wäre sie ihr Leben lang in einem Kloster eingeschlossen und dürfte immer nur beten. Nein, Nonne werden wollte sie auf keinen Fall. Unwillkürlich strich sie über ihre schmerzenden Knie, ehe sie übermütig in den breiten Alkoven hüpfte, den sie mit ihrer Schwester teilte.
„Tilla! Nicht so wild!“
„Ich bin aber immer noch so aufgeregt!“
Lisbeth runzelte die Stirn und schlüpfte ebenfalls unter die Decke. „Bleib ja still liegen, ich bin müde.“
„Es war so lustig beim Kaffee. Schade, dass sie alle wieder gehen mussten.“
Lisbeth lachte und sofort waren die strengen Falten auf ihrer Stirn verschwunden. „Was stellst du dir vor? Noch fünf Männer mehr im Haus?“
„Das wäre doch schön, findest du nicht? Du hast dich doch so gut mit dem Conrad verstanden.“ Gebannt beobachtete sie, wie Lisbeths Wangen rot wurden. Musste das nicht ein Zeichen sein, dass Gott eben doch kein strenger Vater im Himmel war? Warum sonst hatte er so lustige Einfälle?
Wenn Lisbeths Kopf rot anlief, sah es immer so aus, als ob Gott sie in diesen Momenten in einen Bottich roter Farbe tauche. Und weil Lisbeths Augen dabei funkelten und all die strengen Falten aus ihrem Gesicht verschwanden, musste das ein Geschenk für besonders gute Menschen sein. Da war sie sich sicher.
„Conrad ist mit der Gerta vom Falderhof verlobt“, grummelte Lisbeth.
„Na und?“
„Das verstehst du noch nicht. Gute Nacht.“
Bevor Lisbeth sich wegdrehen konnte, sagte Tilla hastig: „Also, ich mag den Balthasar.“
Wie erhofft, wandte Lisbeth sich ihr wieder zu. „Du kennst ihn doch gar nicht.“
„Doch. Seine Mutter ist auch gestorben, als er noch ein kleiner Junge war.“
„Bloß, weil seine Mutter schon lange tot ist, bedeutet das noch lange nicht, dass er ein guter Mensch ist. Tonis Mutter ist auch schon lange tot und den kannst du überhaupt nicht leiden.“
Da hatte Lisbeth Recht. Der Toni prahlte immer mit seinen Muskeln, dabei konnte er mit seinen dünnen Armen gerade mal ein paar Brötchen backen. Muskeln konnte sie da keine sehen. Jedenfalls längst nicht so dicke wie bei Johann. Oder bei Balthasar.
„Außerdem ist Balthasar sehr stark“, fuhr Tilla fort.
„Na, wenn das kein Grund zur Freude ist.“
Tilla schaute Lisbeth verwundert an. Diese Stimme kannte sie gar nicht an ihr. So sprach nur Agnes, wenn sie sich über etwas lustig machte.
„Und er hat Bücher mitgebracht. Acht Stück, ich habe sie gezählt.“ Tillas Herz schlug schneller, denn nun kam die Frage, die sie ihrer Schwester eigentlich stellen wollte.
Aber bevor sie überhaupt weitersprechen konnte, nahm Lisbeth ihr die Antwort vorweg. „Fass sie bloß nicht an! Wer weiß, was er mit dir macht, wenn du etwas kaputt machst oder Fettflecken auf die Seiten bringst.“
„Der Balthasar ist nicht so“, entgegnete sie eine Spur beleidigt, weil Lisbeth ihr gleich jede Hoffnung nehmen wollte.
„Wir werden ja sehen. Und jetzt schlaf.“ Lisbeth drehte sich um und löschte das Licht. Der Raum versank in Dunkelheit und Tilla wusste, dass sie ihre Schwester zu keinem weiteren Gespräch mehr verführen könnte. Mit einem tiefen Seufzer drehte sie sich auf die andere Seite und schloss die Augen. Sie würde schon einen Weg finden, in Balthasars Büchern zu blättern. Da war sie sich sicher.

Während Tilla bereits sanft ins Reich der Träume glitt, saß Balthasar allein im Herdraum. Nachdem Griet die letzten Gläser gespült und die Waschkammer aufgeräumt hatte, war auch sie mit einem scheuen Lächeln an ihm vorbei in die Mägdekammer gehuscht. Jetzt hörte er ihr Bett knarzen, kurz darauf verschwand der Lichtschimmer unter der Tür. Stille.
Eigentlich liebte er diese Momente der Einsamkeit, aber heute wollte kein Wohlgefühl aufkommen. Nicht nur, weil alles fremd war. Vor allem, weil ihm davor graute, hinauf in die Schlafkammer zu gehen. Unbehaglich fuhr er sich übers Kinn. Seit Jahren hatte Agnes seine Träume beherrscht, doch jetzt, wo sich alles fügte, war er sich nicht mehr so sicher, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Alle waren dermaßen kühl mit ihm umgegangen, dass er sich kaum vorstellen konnte, von nun an mit dieser Familie zu leben.
Er nippte an seinem Rotwein. Bisher hatte er kaum ein Wort mit Agnes gewechselt. Wie würde sie sein, gleich? In Gödderts Gegenwart hatte er sie nur zurückhaltend gekannt, ebenso bei ihrem Vater. Aber wenn er sie auf Festen bei den Frauen hatte sitzen sehen, benahm sie sich ganz anders. Dann war sie fröhlich, lachte und sang, war überhaupt nicht so verschlossen wie heute. Sicher zollte ihr heutiges Verhalten nur der Situation Tribut.
Ihren ältesten Bruder dagegen konnte er nur schwer einschätzen. Auf irgendwelchen Festen hatte er Johann noch nie gesehen, erst einmal mit ihm gesprochen, vor ein paar Wochen, als Agnes und Johann ihm den Hof zeigten. Da wirkte er ruhig und besonnen. Vor allem mit Pferden schien er eine gute Hand zu haben. Aber heute hatte er sich nicht blicken lassen. Ob er auch auf dem eigenen Hof so zurückgezogen lebte, oder ob er Balthasar damit seine Missbilligung zeigen wollte? Wie würde Johann damit umgehen, dass ihm von nun an jemand befahl, der kaum zwei Jahre älter war?
Erneut nippte er an dem Wein, ohne wirklich etwas davon zu schmecken. Dass der alte Frings von ihm Befehle annehmen würde, konnte er sich kaum vorstellen. Während der Verhandlungen hatte der Alte ihn mit unverhohlener Überheblichkeit behandelt und bewiesen, dass das Gerede über seine Rolle auf dem Hof nicht von ungefähr kam. Er war offensichtlich gewohnt, dass jeder vor ihm duckte.
Doch das störte Balthasar nicht. Er wusste, wo sein Platz war, und wenn der Frings den seinen nicht kannte, würde er ihm den schon zeigen.
Was ihn weitaus mehr beschäftigte, war Lisbeth. Sie hatte ihm heute die kalte Schulter gezeigt, wo es doch hieß, die mittlere der drei Schwestern hätte das weiteste Herz. Ansonsten sittsam und schüchtern, stets um Harmonie bemüht, hatte sie heute deutlich gezeigt, dass sie für ihn keine Freundlichkeit übrig hatte.
Balthasar lachte in sich hinein und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. So wie es aussah, müsste er die Zukunft auf der guten Meinung eines siebenjährigen Mädchens aufbauen, denn Tilla war heute die Einzige gewesen, die ihm ab und an ein Lächeln geschenkt hatte.
Er hob erneut sein Glas, betrachtete den rot schimmernden Wein und leerte es schließlich in einem Zug. Was nutzte jede Verzögerung? Irgendwann musste er doch den Weg nach oben finden. Er stellte das Glas auf den Tisch, nahm die Lampe und stand auf.
Die ausgetretenen Holzstufen ächzten unter seinen Schritten. In der Hoffnung, dass Agnes schon schlief, öffnete er leise die Tür. Doch sie war noch wach, lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Er musste schlucken und befasste sich länger als eigentlich nötig mit dem Schließen der Tür.
Zum ersten Mal sah er sie ohne Haube. Ihr Haar strahlte wie reines Gold im Licht der Kerze, die neben ihrem Kopf auf einem Hocker stand. Wie gern hätte er sich mit seiner Lampe über sie gebeugt und sie nach Herzenslust betrachtet. Hätte mit den Fingern ihren langen, dicht geflochtenen Zopf angehoben und dabei wie zufällig über ihren Nacken gestrichen. Hätte ihre Brauen berührt und ihre Wangen gestreichelt, ihren vollen Mund geküsst – aber die Gefahr, die Beherrschung zu verlieren, war zu groß.
Er biss die Zähne aufeinander, bemühte sich krampfhaft, an etwas anderes zu denken und wandte ihr den Rücken zu, um sich zu entkleiden. Schließlich löschte er das Licht und stieg rasch zu ihr ins Bett, in der Hoffnung, dass sie die deutliche Wölbung unter seinem Hemd nicht bemerkte.
Wie befürchtet, lag sie kalt und abweisend neben ihm. Er rutschte zur Seite, um ein wenig Platz zwischen ihnen zu schaffen und überlegte angestrengt, wie er sein Vorhaben am besten in Worte fassen sollte.
„Wir werden noch warten“, presste er schließlich hervor.
Damit war eigentlich alles gesagt und doch spürte er Agnes’ fragenden Blick.
„Niemand wird prüfen, ob die Ehe vollzogen wurde, und ich denke, keiner von uns hat den Wunsch, etwas anderes kundzutun. Wir werden uns Zeit lassen. Uns aneinander gewöhnen.“
Zumindest hoffte er, dass sie sich aneinander gewöhnen würden. Ihm kam die Besänftigung unruhiger Pferde in den Sinn, die sich entspannten, wenn sie erst den Körpergeruch des jeweiligen Menschen eingeatmet hatten. Er war jedoch nicht sicher, ob Agnes der Vergleich gefallen würde, deshalb hielt er den Mund. Er wollte sie auf keinen Fall noch mehr gegen sich aufbringen.
Wenn er gehofft hatte, Agnes würde etwas erwidern, so hatte er sich getäuscht. Sie drehte sich stumm von ihm weg und löschte ihre Kerze.
So wandte auch er ihr den Rücken zu und wünschte ihr eine gute Nacht, wohl wissend, dass ihr Duft und die Wärme ihres Körpers in seinem Rücken ihm selbst keinen ruhigen Schlaf bescheren würden.

Hofleben

Zwei Wochen später hatte sich Balthasar an den Fringsschen Alltag gewöhnt. Es gab etliches, was er ändern wollte, aber zurzeit waren sie mitten in der Ernte, da konnte er keine weitere Unruhe auf dem Hof gebrauchen.
Eigentlich liebte er diese Zeit, wenn die Wärme der Sonne auf seinen Rücken brannte, ihm der Duft von frisch gemähtem Gras oder reifem Korn in der Nase kitzelte; das wohltuende Ziehen in Armen und Beinen, wenn er nach dem Mittagessen ausgestreckt im Schatten lag und zufrieden in ein Schläfchen glitt. Aber bisher wollte sich keine gute Laune einstellen. Nicht nur, dass ihm noch immer alle mit kühlem Respekt begegneten, auch die Nächte wurden immer quälender. Agnes so dicht neben sich zu spüren, zu wissen, dass er nur den Arm bewegen müsste, um sie zu berühren, raubte ihm zunehmend den Schlaf.
Wie erwartet, hatte er die meiste Freude an Tilla. Jeden Morgen lief sie voller Elan mit aufs Feld und arbeitete so eifrig, dass ihre Bewegungen schon weit vor dem Mittagsläuten langsam und schwerfällig wurden. Dann schickte er sie zurück auf den Hof, wo sie am Nachmittag noch ihre häuslichen Pflichten zu erledigen hatte. Abends nickte sie meist schon über dem Essen ein.
Auch für heute hatten sich alle genug geplagt. Lisbeth und Griet wuschen noch Geschirr, Tilla schlief und Agnes kümmerte sich um Gottfried. Er selbst saß auf seinem Lieblingsplatz im Hof, auf der Bank unter dem Stubenfenster, und zog an seiner Pfeife.
Könnte er doch nur ein wenig mehr Zufriedenheit spüren. Es waren nicht nur die Nächte, die ihm die Laune trübten, auch die Stimmung unter den Leuten war schlecht. An allem und jedem hatte der alte Frings was auszusetzen. Besonders mit Johann schimpfte er herum, wann immer sich ihm die Gelegenheit bot. Es schien fast, als würde der Alte bei ihm nach Fehlern suchen. Langsam wurde es Zeit, ihn in seine Schranken zu weisen.

In der Schlafkammer wechselte Agnes Gottfrieds Windel, aber ihre Gedanken galten Balthasar. Sie verstand ihn nicht. Warum fasste er sie nicht an? Am mangelnden Verlangen konnte es nicht liegen, das hatte sie schon am Abend ihrer Hochzeit bemerkt. Auch in den folgenden Nächten hatte sie diskret zur Seite geschaut, wenn er ins Bett gestiegen war, schließlich wollte sie ihn nicht in Verlegenheit bringen.
Routiniert schlang sie das Wolltuch über die Windel, erwiderte das Lächeln ihres Sohnes und griff nach dem bestickten Windelband.
Auch wenn sie nicht mit Lisbeth über solche Dinge sprach, hatte sie doch genügend Freundinnen, um zu wissen, dass Männer in der Schlafkammer normalerweise anders handelten. Zumindest jüngere Männer. Eher hörte sie von ihnen Klagen, dass deren Männer die von der Kirche festgeschriebenen Tage der Enthaltsamkeit nicht respektierten.
Mit schnellen Handgriffen schlang sie das Windelband um das kleine Paket, knotete es am Fußende zu einer Schleife zusammen und legte Gottfried in sein Bett. „So, mein Engel, dieser Tag ist zu Ende. Der Herr und all seine Heiligen mögen dich heute Nacht beschützen, auf dass du morgen Früh gesund und munter erwachst. Amen.“
Mit dem Daumen zeichnete sie ein Kreuz auf die kleine Stirn und setzte einen Kuss dazu. „Schlaf schön.“
Sie betrachtete das zufriedene Gesicht ihres Sohnes, die blauen Augen, die bereits schläfrig plinkerten. Nach mehreren Fehlgeburten hatte sie vor drei Jahren endlich ein kleines Mädchen zur Welt gebracht, das jedoch schon nach wenigen Stunden starb. Einige Fehlgeburten folgten und sie hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, noch ein gesundes Kind zu bekommen, bis in diesem Jahr, einen Tag nach Epiphania, Gottfried das Licht der Welt erblickte.
Wieder fuhr sie mit ihrem Finger über seine weiche Haut und erntete ein schläfriges Lächeln. Sofort antworteten ihre Lippen und sie fühlte einen Teil der Schwere von sich abfallen. Gottfried war ihr Sonnenschein. Gerade in den Tagen und Wochen, die hinter ihr lagen, brauchte sie ihn nur anzuschauen und ihr Zorn schmolz dahin.
Sie sank zurück auf die Kante des Ehebetts, legte ihre Haube ab und löste den Zopf, den sie tagsüber als Schnecke aufgedreht im Nacken trug. Wie immer genoss sie das warme Gefühl der Entspannung ihres Körpers, den kostbaren Moment des Alleinseins. Schon seit ihrer Hochzeit mit Göddert wusste sie die Zeit zu schätzen, bis er ihr folgte. Bei Balthasar war es nicht anders, obwohl er sie bisher noch nicht angefasst hatte.
Unwillkürlich lief ihr ein Frösteln über den Körper. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm. Er sprach immer noch kaum ein Wort, auch wenn er allen gegenüber respektvoll und höflich blieb. Er machte seine Arbeit gekonnt und zügig, doch wie erwartet führte nach wie vor der Vater den Hof.
Sie stand auf, goss Wasser aus der Kanne in die Waschschüssel und wusch sich Hände und Gesicht. Mit dem Handtuch rieb sie sich über die müden Augen. Gab es überhaupt dauerhaftes Glück? Ein Glück, das den Augenblick, in dem es erlebt wurde, überdauerte? Ein Glück, das das Fundament für einen anstrengenden Alltag bilden konnte? Auf das man in schweren Zeiten bauen konnte?
Unwillig schüttelte sie den Kopf, trocknete ihre Hände und legte das Handtuch zur Seite. Was dachte sie sich überhaupt? Sie hatte in Gottfried das größte Glück erfahren, das sie sich denken konnte, ein Kind, das sie von Herzen liebte, das ihr jeden Tag versüßte. Und das war ihr noch nicht genug?
Rasch kniete sie sich vors Bett und faltete die Hände, hoffte inständig, nicht Gottes Zorn hervorgerufen zu haben und betete mit besonders viel Hingabe für Gottfrieds Wohlergehen.
Plötzlich drangen laute Stimmen in die Kammer.
Sie schlug das Kreuzzeichen, sprang auf und eilte hinüber ans geöffnete Fenster. Direkt darunter standen Johann und der Vater, der ihn mal wieder am Kragen hielt.
„Du bist der größte Blötschkopp , der frei herumläuft!“
Wie immer ließ sich Johann die Beschimpfung gefallen, ohne auch nur ein Wort zu erwidern. Stocksteif stand er da, in einer Hand sein Schnitzmesser, in der anderen ein Stück Holz. Er wirkte, als sei alles Leben aus ihm gewichen, nur sein Adamsapfel zeugte vom Gegenteil, hüpfte wild auf und ab.
„Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst noch eine Fuhre Brennholz machen?“, fuhr der Vater ihn an. „Gleich ist es dunkel, beeil dich!“ Er stieß ihn von sich und Johann knallte gegen die ans Haus grenzende Stallmauer.
Bevor sie nach ihrer Haube greifen und ihrem Bruder zu Hilfe eilen konnte, sah sie Balthasar auf die beiden zugehen.
„Lass ihn in Ruhe.“ Er sprach ruhig und bedächtig, so, wie er es immer tat.

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