Leseprobe – Luises Brief

Meine liebe Maike!
W enn du diesen Brief liest, werde ich nicht mehr unter euch sein. Sei versichert, ich habe wirklich ein erfülltes Leben gehabt, woran du einen großen Anteil hattest. Wann immer du zu meiner Tür hereinspaziert bist, brachtest du den Sonnenschein mit, egal, ob dir nach einer Partie Canasta war oder ob Du später, als du älter warst, mit mir über Gott und die Welt diskutieren wolltest.
Du glaubst nicht, welch Segen es war, dich in Friedenszeiten aufwachsen zu sehen. Dich sicher und geborgen in einem Land zu wissen, in dem nicht Hunger und Elend herrschen, wie deine Mutter und ich es nach dem verlorenen Krieg erfahren mussten.
Doch auch diese Erfahrungen sind ein wichtiger Teil deiner Familiengeschichte, ein Teil, der immer unausgesprochen mitgeschwungen ist in deinem Leben. Ein Teil, den du nun endlich erfahren sollst, von dem wir dir einfach nichts erzählen konnten.
Aber jetzt, mit mehr als neunzig Jahren, habe ich mich endlich hingesetzt und versuche, mein Erleben der damaligen Zeit in Worte zu fassen. Mein Erleben, denn mein Empfinden lässt sich bis heute nicht richtig greifen.
Wenn du Tag für Tag nur von Gewalt, Hunger, Angst und Tod umgeben bist, schaltest du deine Gefühle ab, das habe ich auch von vielen anderen Frauen gehört. Es zählt wohl nur das Überleben, zumindest versuche ich, mir unser damaliges Verhalten so zu erklären.
Jetzt, im Nachhinein, habe ich darüber nachgedacht, was an Empfindungen dagewesen sein könnte, habe versucht zu erklären, warum wir so und nicht anders gehandelt haben. Heutzutage weiß man, wie sehr solche Erlebnisse einen Menschen verändern und wie sie letztlich auch die nachfolgenden Generationen prägen. Vielleicht wird es dir, nachdem du dies alles gelesen hast, auch leichter fallen, die Ängste und Distanziertheit deiner Mutter zu verstehen.
Luise Liedtke legte den Füller zurück auf ihren Sekretär und seufzte. Jeden Tag betete sie dafür, dass Maike niemals so furchtbare Erfahrungen machen musste wie sie und ihre beiden Töchter. Auch heute noch, obwohl mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen war, hatte sie die furchtbaren Bilder von damals klar und scharf vor Augen. Manche Dinge vergaß man eben nie, sie brannten sich einem förmlich ins Gedächtnis.
Trotzdem hatte sie mit ihrer Enkelin bis heute nicht über diese Zeit sprechen können. Sie nahm an, dass Maike das irgendwie wahrnahm, denn ansonsten hätte sie dieses Thema von sich aus schon längst berührt.
Natürlich hatten sie miteinander auch über das Dritte Reich gesprochen, aber nur im Rahmen von: »Oma, erzähl doch mal von früher.« Und sie hatte gern erzählt. Über ihre Kindheit in Hamburg, ihre erste große und einzige Liebe zu Hermann, Maikes Großvater. Darüber, wie sie sich 1936 in Hamburg kennenlernten und wie sie ihn, fast noch ein Mädchen, teils ängstlich, teils neugierig in seine Heimat Ostpreußen begleitete, wo er in Hagenau eine Stelle als Lehrer antrat.
Vor allem von Ostpreußen hatte sie Maike erzählt. Sie schloss die Augen und versank in ihren Erinnerungen. Es war solch eine schöne Zeit gewesen, solch ein herrliches Fleckchen Erde. Im Frühling und im Sommer standen die Kühe auf saftigen, bunt blühenden Wiesen und im Winter überzog der Schnee die Tannen der dichten Wälder wie dicker Zuckerguss. Während draußen der Wind heulte, verbrachten sie ihre Abende behaglich vor dem warmen Ofen und erzählten sich Geschichten.
Luise öffnete die Augen und nahm den Ordner zur Hand, in dem sie alles für Maike notiert hatte. Ja, es waren auch schöne Jahre gewesen in Ostpreußen, aber für Maike war es wichtig, eines Tages mehr über das schreckliche Kriegsende zu erfahren. Es war ein Teil von Maikes Geschichte, über den bisher weder sie noch ihre Tochter Eva mit ihr gesprochen hatten. Aber inzwischen war ihre Enkelin eine erwachsene Frau und hatte ein Recht auf diesen wichtigen Teil ihrer Familiengeschichte. Trotzdem würde Maike diese Aufzeichnungen erst nach ihrem Tod erhalten. Sie konnte es einfach nicht über sich bringen, darüber zu sprechen, obwohl sie selbst den Ordner oft in die Hand nahm und darin las.
Sie schlug ihn auf und tauchte sofort wieder in die damalige Zeit ein.
Es war wirklich ein eisiger Winter, damals, Ende 1944. Seit Ta­gen hieß es, wir müssten unsere Heimat verlassen. Alles, was wir an Neuigkeiten aufschnappen konnten, erfuhren wir von Mund zu Mund, denn Briefe von Verwandten, Freunden und nicht zuletzt von unseren Männern boten die einzig verlässlichen Quellen. Die Mitteilungen aus dem Radio waren unzuver­lässig. Durchhalteparolen, auf die niemand mehr hörte. Laufend gab es widersprüchliche Gerüchte vom Vormarsch der Russen, und so mussten wir selbst entscheiden: Was ist Wahrheit, was ist Propaganda, was habe ich für Möglichkeiten?
Wir jungen Frauen, ich war damals sechsundzwanzig Jahre alt, trugen die Verantwortung für die Kinder und die Alten. Und natürlich wollten wir auf keinen Fall den Russen in die Hände fallen, denn wir hatten schon von grausamen Massakern, Vergewaltigungen und Verwüstungen gehört. Die Alten hatten uns immer wieder vom Russeneinfall 1914 erzählt.
Wie sollten wir uns und unsere Kinder davor schützen? Wie sollten wir uns entscheiden? Hier in Ostpreußen war unsere Lebensgrundlage. Etwas, was ihr euch heute, im Zeitalter von Kreditkarten und Sozialsystem, sicher nur schwer vorstellen könnt. Unser Zuhause, das heißt im wahrsten Sinne des Wortes unser Obdach, war in Hagenau, im Kreis Mohrungen. Hier bekamen wir unsere Lebensmittelmarken zugeteilt, auf die wir trotz eigener Vorräte angewiesen waren. Würden wir flüchten, hätten wir nichts mehr zu essen, außer dem, was wir in der Lage wären, mitzunehmen. Wir hätten kein Dach mehr über dem Kopf, und das bei diesen Minusgraden. Seit Monaten hörten wir im Hintergrund die Kriegsgeräu­sche der Mörser und Granaten. Wir waren daran gewöhnt und konnten uns überhaupt nicht vorstellen, dass wir uns plötzlich mitten im Kampfgebiet befinden sollten. Wo blieben denn die deutschen Soldaten? Sollten die Russen im Vormarsch sein, müssten doch die zurückweichenden deutschen Soldaten auftauchen.
So haben wir uns, nach Tagen des Abwägens, im Dorf versammelt. Wir waren ja aufeinander angewiesen. Der Bauer Stanke nahm unsere in Säcke gepackte Habe mit auf seinen Wagen.
Wir waren so dick eingemummelt, wie Du es dir bestimmt nicht vorstellen kannst. Wir trugen Wollstrümpfe, darüber Übersocken, dann Stiefel und Trainingshosen, darüber noch einen Rock oder auch zwei, mehrere Pullover und unsere Wintermäntel. Auf dem Kopf noch ein dickes Wolltuch, dazu einen Wollschal um den Hals. Wer hatte, zog auch mehrere Paar Handschuhe übereinander an.
Dick eingepackt bestiegen wir also den Planwagen, verabschiedeten uns im Stillen von unserem Zuhause und machten uns auf den Weg. Aber schon nach einem Kilometer war Schluss. Die ersten Wagen kamen uns wieder entgegen und die Leute schrien: »Zurück, zurück, der Russe ist schon in Maldeuten.”
Damit war an Flucht nicht mehr zu denken. Also ging es zurück nach Hause.
Dein Großvater war ja Lehrer, bevor er eingezogen wurde, und so wohnte ich mit Deiner Mutter Eva und der zweijährigen Annemarie immer noch neben der Schule mitten im Dorf. Meine Freundin Helga Radtke, deren Haus am Dorfrand lag, kam mit ihrer Mutter und ihren beiden Kindern mit zu mir. In solchen Zeiten war es gut, zusammenzurücken.
In dieser Nacht blieb es noch ruhig, kein Kanonendonner war zu hören, aber es war die Ruhe vor dem Sturm. Am nächsten Tag kamen die Russen.
Es war erneut sehr kalt und Helga und ich saßen mit den Kindern in der Küche am Ofen. Draußen vor dem Haus hielt ein russischer Panzer, einige Soldaten kamen herein und fingen an, die Räume zu durchsuchen. Dabei stießen sie auf ein Foto meines Bruders Wilhelm, der Unteroffizier bei der Infanterie war.
»SS!”, schrie ein Soldat und hielt mir sein Bajonett an die Kehle.
»Nein! Nein! Unteroffizier! Infanterie!”, rief ich, deine Tante Annemarie auf dem einen Arm, deine Mutter Eva mit dem anderen Arm fest umschlungen.
In diesem Moment dachte ich, wir müssten sterben. Ich spürte so viel Zorn um mich, so viel Wut, der wir alle ohnmächtig ausgeliefert waren. Vor Schreck war ich wie erstarrt.
In der Küche hing ein kleiner Spiegel. Ich sehe noch heute, wie mich daraus eine junge Frau mit riesigen Augen anstarrt. Damals kam sie mir völlig fremd vor.
Dann schoss einer der Russen mehrmals gegen die Zimmerdecke. Der Putz kam runter und prasselte in kleinen Stücken auf unsere Köpfe. Staub hüllte uns ein. Die Kinder fingen an zu schreien. Der Panzer vor der Tür drehte sein Kanonenrohr direkt auf unser Küchenfenster und ich dachte: Das ist das Ende. Aber zu unserem großen Glück kam in diesem Moment ein Offizier dazu, der erkannte, dass es sich bei Wilhelm um keinen SS-Mann handelte, und so zogen sie wieder ab.
Wäre das heute so in einem Film dargestellt, würden viele sagen: »Das ist doch wieder völlig übertrieben.” Aber glaube mir, ge­nau so ist es passiert. Die Ereignisse, von denen ich Dir auf diesen Seiten berichte, sind wirklich so passiert, auch wenn sie manchmal unvorstellbar sind. Damals entschieden zum Teil nichtige Zwischenfälle darüber, wer am Leben blieb und wer nicht.
»Ja«, dachte Luise. »Ich glaubte, es wäre unser Ende, dabei war es erst der Anfang.«
Traurig wischte sie sich über die Augen, schloss den Ordner und legte ihn zurück auf seinen Platz auf ihrem Sekretär.
Einige Tage später griff sie am frühen Nachmittag zum Telefon, um Maike zu fragen, wann sie sie besuchen käme. Wie jedes Jahr käme sie auch zu diesem Osterfest nach Hamburg und Luise wollte wissen, wann sie sich sehen würden.
Nach dreimaligem Klingeln wurde abgehoben.
»Hallo, Oma!«, rief Maike ins Telefon, dabei hatte Luise sich noch gar nicht gemeldet.
»Woher weißt du denn, dass ich das bin?«
»Ich sehe deine Nummer auf dem Display.«
»Display.« Sie schnaubte. »Immer dieser neumodische Kram. Jetzt könnt ihr euch schon nicht einmal mehr vernünftig am Telefon melden.«
»Okay, demnächst werde ich ganz ordentlich sagen: »Guten Tag, Sie sprechen mit Maike Jansen«, wenn ich sehe, dass du diejenige bist, die mich anruft.«
»Es muss ja nicht ganz so förmlich sein, aber an manche Neuerungen will ich mich gar nicht mehr gewöhnen«, meinte sie im ernsten Ton, obwohl sie sich insgeheim amüsierte. »Maikeschatz, weshalb ich anrufe. Ich wollte gerne wissen, wann du nächste Woche kommst?«
»Am Samstag. Donnerstag komme ich hoch, aber Karfreitag haben Mama und Papa mich verplant. Am Samstag wollte ich dann zu dir kommen. Wäre dir das recht?«
»Sicher, ich freue mich schon. Du musst dir noch überlegen, was wir zu Mittag kochen sollen, damit ich alles besorgen kann.«
»Weißt du, Oma, es ist wirklich schade, dass du immer so weit weg bist.«
»Ich bin zwar schon alt aber nicht debil. Von daher weiß ich ganz genau, dass es deine Entscheidung war, Hamburg zu verlassen.«
»Stimmt. In Köln ist es ja auch echt schön, aber du fehlst eben.«
»Das höre ich gern. Du fehlst mir auch, mein Mädchen. Aber jetzt genug mit der Gefühlsduselei, dafür haben wir nächste Woche genug Zeit. Was willst du denn nun essen?«
»Wie wäre es mit Spiegelei und Spinat? Da musst du nicht viel vorbereiten und ich habe es mir schon lange nicht mehr gekocht.«
Spiegelei mit Spinat hatte sie Maike schon kochen müssen, als sie noch ein kleines Mädchen war. Auch wenn sich die Essgewohnheiten ihrer Enkeltochter inzwischen verändert hatten, war das doch eines ihrer Lieblingsgerichte geblieben.
»Spinat mit Spiegelei? Bist du dir sicher?«
»Oma, du weißt doch genau, was Mama alles einkaufen und vorbereiten wird. Sicher nehme ich allein in den vier Tagen zwei Kilo zu. Ich freue mich wirklich, wenn ich zwischendurch etwas ganz Einfaches essen kann.«
»Gut, wenn du es so willst, mache ich dir natürlich Spinat. Und, gibt es sonst noch etwas Neues?«
»Sogar große Neuigkeiten: Lotta hat sich verlobt!«
»Oh, wie schön!« Luise spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Karlotta war Maikes beste Freundin und über die Jahre auch ihr ans Herz gewachsen.
»Du weinst doch jetzt wohl nicht, oder?«
»In meinem Alter darf man das auch, wenn man sich freut«, lachte Luise. »Wann soll denn die Hochzeit sein?«
»Keine Ahnung. Du kennst doch Lotta: Eins nach dem anderen, aber das immer überstürzt.«
»Genau so ist sie.«
In den Semesterferien war Karlotta regelmäßig mit Maike nach Hamburg gekommen und hatte gemeinsam mit ihr in einem Restaurant an der Innenalster gejobbt. Luise genoss Lottas temperamentvolles Wesen, ihre Neugierde auf alles und nichts. In all den Jahren war der Kontakt nicht abgebrochen und sie blieb auf dem Laufenden, was sich in Karlottas Leben ereignete.
»Wenn du bei mir bist, musst du mir alles ganz ausführlich erzählen«, fuhr Luise fort. »Natürlich auch alles darüber, was die Liebe bei dir macht.«
»Sendepause macht sie. Keine netten, unabhängigen Männer in Sicht. Da gibt es also nicht viel zu erzählen.«
»Schon gut, mein Schatz.« Luise lächelte und überlegte bereits, wie sie ihre Enkeltochter am besten an das Thema heranführen könnte. »Ich mache jetzt Schluss, Maikeschatz, dann kannst du dir etwas zu essen machen.«
»Oma, ich habe jetzt keinen Hunger, ich werde mir heute Abend etwas kochen.« Maike lachte. »Seit ich mich erinnern kann, hast du Sorge, ich könnte verhungern.«
»Schon gut, schon gut. Wir sehen uns dann nächste Woche.«
»Ja, bis nächste Woche. Ich freu mich schon auf dich.«
Luise legte den Hörer zurück aufs Telefon und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Welch ein Glück, dass ihre Enkeltochter in Friedenszeiten aufwachsen konnte und sich keine Sorgen darüber zu machen brauchte, woher sie die nächste Mahlzeit nehmen sollte. Sie und ihre beiden Töchter hatten oft hungern müssen. Aber vor dem Verhungern hatte sie sie bewahren können, das war vielen anderen nicht gelungen.
Die Russen hatten sich die Schule als Kasino eingerichtet. Dorthin wurden Helga und ich zum Arbeiten eingeteilt. Helgas Mutter, wir nannten sie Oma Krause, passte in dieser Zeit auf die Kinder auf. Morgens um fünf mussten wir anfangen zu arbeiten: Hühner und Gänse rupfen, Fleisch schneiden, Kartoffeln schälen, abwaschen, putzen und alles, was sonst noch an Küchenarbeiten anfiel. Wir konnten essen, was wir wollten und durften auch für die Kinder etwas mitnehmen. Es war ja auch von allem genug da, Dachböden, Keller und Ställe waren voll. Einigen war die Flucht geglückt, aber sie hatten ihre Vorräte und Tiere zurücklassen müssen.
Ende Januar feierten die Russen ihr großes Neujahrsfest. An diesem Nachmittag passierte wieder Unglaubliches. Wir saßen alle zusammen in der Küche, als plötzlich die Tür aufging und ein russischer Soldat hereinkam. Er blieb im Türrahmen stehen und starrte unverwandt auf Helga und ihre Kinder. Dann guckte er zu Oma Krause. Herr Stuppka, der Einzige aus dem Dorf, der etwas russisch sprach, war bei ihm und wurde nun von ihm nach unseren Familienverhältnissen befragt. Währenddessen schaute der Soldat, später stellte sich heraus, dass er Arzt und Offizier war, unentwegt Helgas Familie an. Dann forderte er sie auf: ”Komm! Rabotti!”, das bedeutet arbeiten.
Da Helga und ich verabredet hatten, immer zusammen zu bleiben, sagte ich: »Ich gehe mit.« Das wurde mir auch erlaubt.
Wir gingen in das Haus von Helgas Cousine Berta Kunze, die mit ihrer Tochter Helma die Woche zuvor nach Elbing gefahren war, um ein Kleid oder Stoff für deren Konfirmation zu besorgen. Nun saßen sie dort fest. In ihrem Haus hatten die Russen eine Arztpraxis eingerichtet. Dort wurden die verwundeten russischen Soldaten, die in den umliegenden großen Bauernhäusern untergebracht waren, untersucht. Eigentlich war das ganze Dorf ein einziges Lazarett.
Der Russe machte uns deutlich, dass Helga das Zimmer wischen sollte. Ich wollte ihr helfen, aber er lehnte es ab und befahl, dass Helga das alleine machen sollte. Wir zitterten beide am ganzen Körper vor Angst, und als ich mich auf den mir zugewiesenen Stuhl setzte, hielt ich mich mit meinen Armen fest umschlungen, um das Zittern unter Kontrolle zu bekommen. Aber es geschah uns nichts weiter. Nachdem das Zimmer gewischt war, schickte uns der Offizier wieder nach Hause.
Auf den Straßen im Dorf herrschte Chaos. An den Bäumen hingen erhängte deutsche Soldaten, tote Pferde lagen auf der Straße. Betten waren aufgeschnitten worden, die Federn überall verstreut. Zum Teil lag der gesamte Hausrat auf der Straße. Die Fensterscheiben an vielen Häusern waren eingeschlagen, manche Häuser abgebrannt. Auf dem Heimweg hörten wir wieder Frauen schreien, die von den Russen vergewaltigt wurden.
Unsere damaligen Lebensumstände lassen sich kaum beschreiben. Aus Angst vor den vielen Vergewaltigungen schliefen wir nur noch voll bekleidet im Sitzen, um zumindest die Möglichkeit zur Flucht zu haben. Wir konnten ja nicht über Tage, geschweige denn Wochen, irgendwo untertauchen. Wir mussten doch unsere Kinder versorgen. Außerdem nutzten Verstecke im Heu oder Stroh nicht viel, da die Soldaten mit ihren Bajonetten hinein stachen, um die Frauen zu finden. Wenn sie fündig wurden und die Frauen sich verweigerten, wurden sie geschlagen. So kamen sie mit zerschlagenem Gesicht und aufgeplatzten Wunden nach Hause, vergewaltigt wurden sie dennoch.
Einmal hatten die Russen ein Haus in Brand gesteckt, nachdem sie zuvor alle Fenster vernagelt hatten. Alle dort lebenden Frauen und ihre Kinder verbrannten, weil sich eine geweigert hatte, mit den Russen zu gehen. Da wehrst Du dich nicht oft.
Am Abend desselben Tages kam der russische Offizier vom Nachmittag wieder in unser Haus. Diesmal trug er eine Galauniform, so dass wir ihn auch als Offizier erkannten. Er brachte wieder Herrn Stuppka mit. Sein Blick war sofort auf Helga und ihre Familie gerichtet, so dass Helgas Mutter anfing zu weinen. Der Offizier sprach auf Herrn Stuppka ein und dieser übersetzte Folgendes:
»Frau Radtke, der Herr ist Arzt. Sie haben eine große Ähnlichkeit mit seiner Frau. Als er heute Nachmittag hier war, hat er geglaubt, seine Frau zu sehen. Er hatte auch zwei Kinder in dem Alter wie ihre und eine Mutter im Alter ihrer Mutter. Die deutsche SS hat seine Mutter an den Galgen gebracht. Seine Frau hat drei Tage unter diesem Galgen beten müssen, dann wurde sie erschossen. Von seinen Kindern weiß er nichts.
Er sagt, er habe sich nach diesem Vorfall geschworen, wenn er eine ähnliche deutsche Familie träfe, so solle sie auch sterben. Als er sie heute sah, musste er einen inneren Kampf ausfechten, aber er hat sich gesagt: »Nein, du tust es nicht. Im Gegenteil. So lange es dir möglich ist, stehst du ihnen bei.«
In diesen Zeiten war ein Menschenleben nichts wert. Irgendjemand entschied, zu töten oder leben zu lassen und wir mussten es hinnehmen.
Helgas Familie hatte also großes Glück und wir mit ihr, da wir zusammenlebten und nun einen gemeinsamen Beschützer hatten. Er sorgte dafür, dass wir an bestimmten Tagen, wie zum Beispiel an diesem Neujahrsfest, versteckt wurden, weil die Soldaten sich betranken. Ansonsten reichte es schon aus, dass seine Offiziersmütze auf dem Küchentisch lag, damit sich hereinschauende Soldaten wieder verzogen.
Eines Tages wurde Annemarie sehr krank. Sie bekam hohes Fieber, aber der Arzt versorgte sie mit Medikamenten und gab ihr auch eine Spritze, so dass sie sich bald wieder erholte.
So lebten wir jeden Tag ein Leben in Angst und Unsicherheit, ständig mit Krankheit, Tod und Vergewaltigung konfrontiert. Kaum Schlaf. Die Russen hatten die Uhr um zwei Stunden zurückgestellt. Dass heißt, Helga und ich mussten schon um drei Uhr früh anfangen, im Kasino zu arbeiten. Es war zum Teil schwere körperliche Arbeit, wie beispielsweise das Tränken der Pferde. Da der Teich zugefroren war, mussten wir immer zuerst ein Loch hineinschlagen, um an das Wasser zu kommen. Wenn wir uns draußen bewegten, durften wir nicht vom Weg abkommen, da überall Handgranaten herumlagen.
Und überall Tote. Wir waren in ständiger Sorge um Freunde und Verwandte. Einige aus dem Dorf waren nach Arbeitseinsätzen nicht zurückgekommen, andere, wie zum Beispiel Helgas Cousine Berta, saßen irgendwo fest und wir wussten nicht, wie es ihnen geht oder ob sie überhaupt noch lebten.
Und immer wieder musste ich nach deiner Mutter suchen. In ihrer Angst lief sie ständig weg und versteckte sich irgendwo. Wenn ich sie fand, habe ich jedes Mal fürchterlich mit ihr geschimpft, manches Mal habe ich sie sogar geschlagen, damit sie begriff, dass wir zusammenbleiben mussten. Heute noch sehe ich Evas verstörten Blick, aber ich wusste mir nicht anders zu helfen. Viele Mütter verloren in diesen schrecklichen Zeiten ihre Kinder und fanden sie nie wieder.
Eines Tages hielten meine Nerven nicht mehr durch und ich brach zusammen. Ich konnte nicht mehr, ich wollte nicht mehr leben. Helga holte den russischen Arzt, der dann auf mich einredete. Ich solle doch an die Kinder denken, der Krieg würde sicher nicht mehr lange dauern und dann käme doch auch mein Mann nach Hause. Auf ihn würde dann keiner mehr warten, wenn er zurückkäme.
Er gab mir eine Spritze und ich habe stundenlang tief und fest geschlafen. Danach ging es mir körperlich wieder besser, aber ich habe nichts mehr gefühlt. Mir war alles völlig gleichgültig. Heute denke ich, dass ich wohl nur so eine Chance hatte, zu überleben. Wenn ich meine Gefühle nicht ausgeschaltet hätte, wäre ich mit Sicherheit irgendwann durchgedreht.
Ich kann dir nicht alles in Einzelheiten erzählen. Aber die Geschichte über das, was Berta berichtete, nachdem sie wieder aus Elbing zurückgekehrt war, macht wohl deutlich, wie gefühllos wir miteinander umgegangen sind. Alles, was nicht zum Tode führte, ließ sich aushalten.
Berta und Helma hatten im Keller eines Mehrfamilienhauses in Elbing Schutz gesucht, in dem bestimmt vierzig Personen saßen. Als die Russen kamen und Helma holten, die damals erst vierzehn Jahre alt war, sah Berta keine andere Möglichkeit, als sich selbst anzubieten. Aber die Russen wollten nur das Kind und nahmen es mit. Blutend und mit steifen Knien kam sie nach drei Stunden nackt in den Keller zurück. Als Berta ihre Tochter sah, sagte sie nur: »Wo hast du deine Kleider? Geh deine Kleider holen.« Also ging das Kind wieder hoch in die vierte Etage, um seine Kleider zu holen, und wurde erneut vergewaltigt. Berta wusste später selbst nicht, warum sie so reagiert hatte. Sie hatte nur vor Augen, dass sie dringend die Kleider brauchten.
Doch es gab zum Glück auch immer wieder sehr menschliche Unterstützung. Eine Frau, die in diesem Haus wohnte, nahm Berta und Helma später mit zu sich in die Wohnung, wo sie Helma unter einem Haufen Lumpen versteckte, damit sich das Kind ein paar Tage erholen konnte. Danach machten sich die beiden auf den Weg nach Hause und waren tagelang aufs Geratewohl unterwegs, ohne zu wissen, wer im Dorf noch lebte oder ob das Dorf überhaupt noch stand.

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